Wenn der Begriff Kultur ein Bedeutungsareal erobert hat, das kaum noch zu überschauen ist, dann in Deutschland. Dort ist er nämlich neben den eindeutigen lexikalischen Definitionen zu einem Synonym für vieles geworden, das nicht mehr so recht fassbar ist, aber dennoch geschützt werden soll. In einem Land, dass sich nahezu im Konsens als Kulturnation begreift, schickt es sich nicht, etwas existenziell zu kritisieren, das mit dem Begriff Kultur als Tabu imprägniert ist. So ist zu oft zu erfahren, dass sich bestimmte Zustände, die nicht sonderlich erbauend sind, als irgendeine Kultur bezeichnet werden und dadurch gegen Kritik geschützt sind. Das führt folgerichtig dazu, dass die Verwendung des Begriffs Kultur eine Inflation sondergleichen erfahren hat, die vieles vernebelt und wenig klärt.
Kultur im etymologischen Sinne ist hingegen eine eindeutige Sache. Um mit der Antipode zu beginnen: Alles, was nicht Natur ist, also ein Zustand, der frei von menschlichen Gestaltungsversuchen existiert, wird der Kultur zugerechnet. Oder semantisch anders herum, alles was durch menschlichen Willen oder menschliches Handeln gestaltet wird, ist Kultur. Kultur ist also der bewusste Eingriff in das nicht-humane Sein. Das ist ein weites Feld, begrifflich aber durchaus logisch und konsistent.
Interessant wird die Geschichte, wenn man sich die nicht materielle, sondern die metaphysische Ebene anschaut. Denn die Vorstellung, die sich die Menschen von Kultur in ihrem Kopf machen, ist ihrerseits bereits eine kulturelle Leistung, weil sie gestaltend in das eingreifen, was durch ihre eigene Existenz als kultureller Akt vollbracht wurde. Und dort, genauer gesagt im historischen Bewusstsein, wird deutlich, dass nicht jede gestaltende Leistung der Menschheit per se als Kultur für die Aufnahme in die Annalen als würdig befunden wird. Nicht alles, was ein Individuum oder eine Gesellschaft an kulturellen Aktivitäten vollbringt, wird vom kulturellen Gedächtnis in die Buchführung mit aufgenommen. Die Selektion der menschlich verausgabten Energien wiederum ist eine kulturelle Intervention.
Wenn Geschichte Kultur ist, dann ist ihre Fortschreibung und das Aufbewahren des Erinnerungswürdigen einerseits abhängig von der humanen Entscheidung über den Wert der einzelnen Tat, aber auch von der Konservierungsfähigkeit dessen, was man späteren Generationen weiter vermitteln will. Von früher Architektur, die dechiffriert werden kann über Runen und Papyrusrollen bis zum Buch vermochten relativ stabile Datenträger das Relevante einer Epoche zu übermitteln.
Mit der Digitalisierung unserer Operationen sind zwei Phänomene aufgetreten, die die bisherige Wirkung des kollektiven Bewusstseins als einem historischen Artefakt existenziell bedrohen. Zum einen sind die Träger labile, vor allem durch ihre technische Halbwertzeit, sodass massiver Datenverlust droht. Zum anderen sind sie durch ihre nahezu grenzenlose Speicherkapazität ein tödliches Gift gegen bewusste gesellschaftliche Selektion. Die Fähigkeit, technisch alles sichern zu können, verursacht eine Nonchalance gegenüber notwendiger Struktur. Die heutige Gesellschaft verliert die Fähigkeit, zwischen Bedeutendem und Unbedeutendem zu unterscheiden. Archiviert wird alles, und dechiffrieren kann es niemand mehr. Das beobachtete Phänomen, dass selbst Studenten der historischen Wissenschaften unreflektiert die Datenfriedhöfe aus dem Internet in ihren Arbeiten verwenden, ohne Validität oder Relevanz zu reflektieren, ist ein alarmierendes Symptom für den Verlust der Selektionsfähigkeit und Strukturbildung.
Gesellschaften, die sich nicht mehr darauf einigen können, was für sie bedeutsam und identitätsbildend ist, sehen dem Schicksal entgegen, vom Ozean der Belanglosigkeiten hinweggespült zu werden.
