In Zeiten der Raserei

Es gibt Phasen, die nennt man Hochsaison. Gemeint ist damit nicht der Urlaub, sondern die Zeit davor. Je nach Bundesland, zumeist aber zwischen Pfingsten und den Sommerferien, da kommen die politischen Systeme noch einmal so richtig ins Rollen. Ursache dafür sind die Sitzungspausen, die mit den Schulferien korrelieren. Grund dafür ist der Löwenanteil der Beamten in den Parlamenten. Und, so kurz vor der Sommerpause, da fällt dann vielen von ihnen ein, dass sie ein Mandat haben und dieses auch durch Entschlusskraft zeigen müssen. Folglich wird so richtig Druck erzeugt auf die Verwaltungen, bis pünktlich zum Ferienbeginn alles noch auf den Tisch zu bringen, was entschieden werden muss.

Das Seltsame bei der, gelinde gesagt berufsgruppenspezifischen Stresssituation, ist die Tatsache, dass eine gewisse immanente Hysterie sich auf das gesamte Sozialsystem ausweitet. Immer dann, wenn in unseren Breitengraden die Tage am längsten sind und eigentlich die Zeit wäre, über das Dasein zu reflektieren und mit Distanz auf die zivilisatorischen Beschleunigungsprozesse mit etwas Muße zu schauen, bricht der Sturm der operativen Geschäftigkeit aus und es wird das verhindert, was die Gesellschaft im Zeitalter der digitalisierten Prozesskontrolle am dringendsten braucht: der entspannte Blick auf die Subjekt – Objekt – Beziehungen.

Was wie eine lästige Marotte eines freizeitorientierten Berufsstandes, dessen Ferienzeiten in Stein gemeißelt zu sein scheinen, erscheint, entpuppt sich, sei es nun eine Koinzidenz oder eine Kausalität, als die gezielte Verhinderung einer notwendigen Kritik. Denn eine Gesellschaft, die sich derartig gezielt die Zeit stehlen lässt und eine Gesellschaft, die derartig unbewusst mit ihren Zeitkontingenten umgeht, ist meilenweit von kritischer Selbstbestimmung entfernt.

Fast sehnt man sich nach den rauschgetriebenen 2000 Lightyears from Home zurück, in denen es möglich war, die irdischen Zwänge einfach beiseite zu schieben. Und groß ist der Schrecken, den die uns täglich begegnenden Individuen verursachen, die mit gehetztem Blick, absurder Argumentationslogik und zitternden Gesten, die zwischen Panik und finalem Zusammenbruch angesiedelt zu sein scheinen. Menschen, die ansonsten einen vernünftigen Eindruck vermitteln, sind in diesen Zeiten der Hochsaison ein verhuschter Schatten ihrer selbst. Getriebene, Unglückliche, Willenlose.

Stünde das alles, d.h. die ganze Hast und das ganze Unglück, in irgend einer Relation zu einem reichen Ertrag, so wäre die Deutung erlaubt, man zahle einen hohen Preis für ein Gut, das über allem anderen stehe. Bei näherer Betrachtung jedoch fällt sofort und ohne jeden Zweifel auf, dass diese Wechselwirkung jedes Jahr von Neuem auf nichts als auf einer Illusion beruht. Nach der Hochsaison steht nicht einmal die Leere, oder die Anpassungsdepression, nein, es geht so weiter wie bisher, es gibt keine Ernte, sondern nur den Horror vor der nächsten Hochsaison, die wiederkehrt wie das Thema in einem Rondo, immer die gleichen Motive, immer die gleiche Trivialität und immer das gleich dünne Ergebnis.

Von Walter Benjamin stammt das kluge Wort, Revolution könne auch manchmal bedeuten, die Notbremse zu ziehen. In einem System der unreflektierten Beschleunigung, die idiotischerweise auszukommen scheint ohne eine Nennung des Ziels, scheint diese Maxime eine sehr kluge zu sein. Die programmatische Diskreditierung, wer nicht mitfahre, sei ein Fortschrittsfeind, kann fadenscheiniger nicht sein. Auch da kommt eine kluge Sichtweise in den Sinn, wie sie auf einer Skulptur in Leipzig zu lesen ist: Natürlich kann man Subjekte dem Prozess opfern. Aber immer nur das eigene!