Asynchrone Simultanität

Nahezu das gesamte 20. Jahrhundert definierte die Moderne mit dem technischen Niveau und der technischen Durchdringung von Gesellschaften. So ist es kein Wunder, dass der Begriff der Moderne lange Zeit als Synonym für den Industrialismus galt. Etymologisch gab er das nicht her, metaphorisch schon. Wie das so ist mit der menschlichen Psyche und ihrer Fähigkeit, sich zu verändern, sind die emotionalen Halbwertzeiten menschlichen Handelns anders als dessen kognitive. So kommt es, dass wir uns gedanklich oft bereits in anderen Welten bewegen, während wir emotional und vom Verhalten noch in einer zurückliegenden wandeln. So erklärt es sich zum Beispiel, dass die Börsianer der Wall Street, die heute das Spiel des post-industriellen, post-finanzkapitalistischen, globalisierten Spekulationskapitalismus verkörpern, vor der Börseneröffnung in der 10. Straße in ein Frühstückshaus gehen, und sich dort ernähren wie die auf dem Feld arbeitenden Farmer des 18. Jahrhunderts.

Bizarr wird die Betrachtung dieser Kluft zwischen Ratio und Emotion, wenn wir den Begriff der Moderne selbst betrachten. Obwohl wir uns bereits in anderen Lebenswelten bewegen, ist das Gros unserer Zeitgenossen immer noch geneigt, die Moderne, oder besser formuliert, Modernität als eine Frage technischer Innovation zu verstehen. Aus kulturkritischer Sicht kann ein derartiges Verständnis allerdings nur als hoffnungslos sozialromantisches Phänomen verstanden werden.

Technische Verfahren ihrerseits sind unter ihrer humanen und sozialen Wirkungsweise vor allem seit der Digitalisierung eher Prozesse, die entmündigen und extrem vereinfachen und sie tragen nicht dazu bei, archaische Muster zu überwinden. Die politisch erfolgreichen Systeme der Gegenwart sind nicht gekennzeichnet durch Modernität im Sinne spiritueller Innovation, sondern durch die Verfügbarkeit und den Zugriff auf immense Ressourcen bei Mensch und Natur. Und wer die bürgerliche Autonomie des Individuums in den sozialen Netzwerken ohne Gegenleistung preisgibt, muss sich das Urteil gefallen lassen, praktisch mit den Rechtszuständen vor-bürgerlicher Gesellschaften zu kokettieren.

Andererseits erleben wir seit unserer zeitgenössischen Epoche der Globalisierung keine territoriale Dominanz mehr für spirituelle Innovation und Inspiration. Der Diskurs über die Zukunft der Welt mag in feuerländischen Holzhäusern ebenso inszeniert werden wie in Glaspalästen in Shanghai. Die digitale und globale Vernetzung ermöglicht dieses, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass an den physischen Orten gedanklicher Erneuerung lebensweltliche Spannungsfelder liegen, die das eigentliche Wesen der diskursiven Weltgesellschaft ausmachen.

In Wirklichkeit bedeutet Modernität heute nicht eine Zone relativer entwicklungsspezifischer Homogenität, wie wir es vielleicht zuletzt in den Industriegesellschaften beobachten konnten. Modernität heute bedeutet in der Regel, Simultanität von High-Tech und Windrad, von Demokratie und Despotismus, von zivilisatorischer Toleranz und Barbarentum, von archaischen Verhaltensmustern und Schwarmintelligenz. Die große Herausforderung besteht darin, diese Simultanität des Asynchronen zu steuern und zu Ergebnissen zu steuern. Und die Fragen an die heutige Moderne lauern hinter diesem Unterfangen.

Ein Gedanke zu „Asynchrone Simultanität

  1. Avatar von Dr. Hartwig MalyDr. Hartwig Maly

    Simultanität des Asynchronen:=Gleichzeitigkeit der „Dinge“ fehlender Abstimmung.
    Die Mathematik/ Systemtheorie erweckt den Eindruck als ob große, komplexe, vielfältig wechselwirkende Systeme mit hinreichender Genauigkeit modelliert werden können. Modellierung als Zeichen von System-Verständnis. System-Verständnis als Voraussetzung von Abstimmung. Abstimmung als Voraussetzung von Steuerung. Das gelingt rational kaum bei vergleichsweise einfachen dynamischen Systemen wie Proteinfaltungen geschweige denn bei Beziehungen zwischen zwei Menschen. Obwohl, der Natur gelingt es seit Jahrmillionen: Mutation/ Modifikation –> Selektion –> Modifikation . . . – evolutionäre Algorithmen. Das Arsenal klassischer Management-Instrumente Druckerscher Prägung – Du kannst nur managen was Du messen kannst – scheint mir bei der Handhabung selbst einer kleinen Anzahl asynchroner Systeme zu versagen. Zu sehr Faustkeil wo ein Florett erforderlich wäre. Die schiere Fixierung auf Zahlen taugt eher nicht. Die Finanzmarktkrise 2008/2009 zeigt dies. Der Inkubator soziale Marktwirtschaft in der EU, mit scheinbar endlos vielen inkrementellen, Nerven aufreibenden Iterationen, scheint mir geeigneter. Das Prinzip heißt Selbstorganisation. Mit einer Prise größerer Gelassenheit und global-strategischen Selbstbewusstsein, mehr gelebter Subsidiarität und weiterhin dem in Europa inzwischen angenehmen Mangel an missionarischem Eifer. Ideal wäre es das Experiment ‚Steuerung des simultan asynchronen‘ in Millionen Inkubatoren simultan, sich selbst organisierend ablaufen zu lassen. Geht halt nur im mikroskopischen Maßstab. Mikroskopisch eher sequentiell mit viel Geduld.

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