Archiv für den Monat Mai 2012

Die Theorie der Avantgarde

Nicht nur in den Vorstellungen über Szenarien der Machtübernahme spielte die Theorie der Avantgarde im letzten Jahrhundert eine dominierende Rolle. Abgeleitet aus der Begrifflichkeit des französischen Militärs bedeutete Avantgarde etymologisch eine Vorhut oder Vorabteilung, die fremdes Territorium zunächst erkunden und dann durch die gesammelten Kenntnisse und Fähigkeiten für die heranrückenden traditionellen militärischen Verbände sturmreif machen sollte. Vor allem die marxistischen und insbesondere die russischen Revolutionäre unter Lenin setzten mit diesen Überlegungen ein historisches Paradigma.

Begründet durch die begriffliche Dominanz, ließ eine Analogie in der Überlegung zu Zeitenwenden und neuen Machtverhältnissen auch in anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens nicht lange auf sich warten. Avantgarde wurde ein Begriff, der im übertragenen Sinne für den radikalen Wandel stand. Vor allem in der Sphäre der Künste spielte er eine bedeutende Rolle. Aus den verschiedenen, seit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandenen revolutionären Kunstbewegungen in Literatur, Theater, in den bildenden Künsten und im aufkommenden Film spielte der Begriff der Avantgarde eine wesentliche Rolle.

Allen avantgardistischen Kunstbewegungen waren bestimmte Konstitutions- und Funktionsprinzipien gemein. Sie können zusammengefasst werden als radikale Abkehr von gewohnten Motiven und Techniken, Inszenierung des Neuen durch den Schock, der die dominierende didaktische Rolle spielte, Einführung neuer Kategorien und Denkweisen und vor allem die Stimulans beim Publikum, dass Kunst praktische Folgen haben müsse. Paris, Zürich, Berlin, München und Moskau waren die Zentren für Dadaismus, Kubismus, Konstruktivismus, Expressionismus, Surrealismus etc., die nach den beschriebenen Prinzipien den etablierten Kulturbetrieb durcheinander rüttelten und für eine Zeitenwende im modernen Leben sorgten. Das Kunstwerk wurde zu einem lebenspraktischen Akt, der das Potenzial in sich trug, die Welt zu verändern. Und alles, was die Kunst als autonomen Prozess des bürgerlichen Individuums ausgemacht hatte, wurde mit einem Schlag außer Kraft gesetzt. Plötzlich wurde von Kunstproduktion gesprochen und der Aufsatz Walter Benjamins mit dem Titel Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit mutet aus heutiger Sicht an wie eine Arbeitsstudie aus dem industriellen Zeitalter.

Oskar Maria Graf beschreibt in einem seiner autobiographischen Romane, wie das Publikum im München jener Zeit reagierte, als in einer Schwabinger Galerie zum ersten mal Chagalls Blaues Pferd ausgestellt wurde. Schock und Empörung können nicht eindringlicher dargestellt werden. In der erst in den siebziger Jahren entstandenen Theorie der Avantgarde, die sich aus der Retrospektive noch einmal mit den revolutionären Kunstbewegungen auseinandersetzte, wurde der Schock als das Konstitutionsprinzip der Avantgarde überhaupt dargestellt. Und, darin besteht der Verdienst dieser Theorie, es wurde daraufhin und nachgewiesen, dass, sobald der Schock verflogen war, die Verwertungsprinzipien erfolgreich einsetzten, um den revolutionären Gedanken zu einem konsumierbaren Massenprodukt zu machen, ohne praktische Folgen versteht sich. Das galt für die historische Avantgarde genauso wie für die Beatles und den Punk, für Andy Warhol wie für Dos Passos.

Seitdem, so scheint es, wurde der bewusst inszenierte Schock zu einer Art Vorbedingung für die spätere erfolgreiche Verwertbarkeit eines neuen Produktes. Alles andere gilt als langweilig und nicht spannend. Das Revolutionäre ist zumindest in diesen Segmenten der menschlichen Erfahrung dahin. Die technische Reproduzierbarkeit hat das Kunstwerk selbst abgelöst und das neue Kunstwerk ist die Blaupause, nach deren Launching durch ein Event die Serienproduktion einsetzen kann.

Ein Steinbruch der Inspiration

Brad Mehldau Trio. Ode

Der 1970 in Florida geborene Brad Mehldau hat bereits einen langen und turbulenten Weg hinter sich. Nachdem er mit achtzehn Jahren nach New York City gegangen war und dort sein Klavierstudium intensiviert hatte, wurde die Jazzwelt bereits in den frühen neunziger Jahren auf ihn aufmerksam, als er zusammen mit Joshua Redman, der, genauso jung, aber ausgestattet mit dem Signet seines Vater Joshua, tourte und erfolgreich war. Das Brad Mehldau Trio wurde seine eigene Formation und es steht seit geraumer Zeit für den singulären Zugang Mehldaus zum Jazz. Zusammen mit dem Schlagzeuger Jeff Ballard und dem Bassisten Larry Grenadier nahm das Trio in den letzten Jahren verschiedene Live-Alben auf. Ode ist seit langer Zeit die erste Studio-Konzeption.

Laut Brad Mehldau handelt es sich dabei um Kompositionen, die ihm immer mal wieder eingingen, vor allem in Form von Hommagen an existierende oder fiktive Personen. Niederschlag finden die Oden an reale Personen auf der CD bei den Stücken M.B., d.i. der Ausnahmesaxofonist Micheal Brecker, der mehr als ein Jahrzehnt jenseits aller Trends als state of the art galt, Wyatt´s Eulogy for George Hanson, einem Charakter aus Easy Rider und Kurt Vibe, als Referenz an den Gitarristen Kurt Ronsenwinkel.

Mit dem Titel Ode greift Mehldau, man könnte sagen, wie soll es auch anders sein, ein spirituelles Genre aus der europäischen Klassik auf, um wieder einmal auf seinen Bezug zu diesem Erbe zu verweisen. Denn dass die europäische Klassik Mehldau und seine Spielweise geprägt hat, steht außer Zweifel. Und dass es ihm gelingt, die wesentlichen Techniken und mentalen Zugänge, die der Klassik entsprechen, in die Sauerstoffsphären des amerikanischen Jazz zu transportieren, verdankt er zum einen den kongenialen Avancen seiner Mitspieler Ballard und Grenadier und zum anderen seinem eigenen transatlantischen Erbgut, das vor allem der binären Intuition eines Oscar Peterson entspringt.

Bei Ode handelt es sich um eine sehr variantenreiche Sammlung von Einzelstücken, die sich allesamt erstklassig und auf hohem Niveau bewegen. M.B., das erste Stück, vollbringt das quasi Unmögliche, indem das Trio Tunes und Melodielinien intoniert, die aus Tales from the Hudson, dem wohl besten und wirkungsvollsten Album Micheal Breckers entstammen könnten. Und was kann eine Ode besser vollbringen, als die Sehnsucht nach einem Einsatz Breckers mit dem Tenor zu erzeugen. In Ode selbst dominiert das klassische Framing, das nur leicht verfälscht wird durch die beschwingte Leichtigkeit der amerikanischen Interpretation, 26 ist eine rhythmische Referenz an den Bebob, die akzentuiert ist durch das Einschieben von Akkorden, die an Duke Ellington erinnern und sich so gar nicht an den Hochgeschwindigkeitsexzessen vergangener Tage berauschen und auch bei Twiggy wird man das Gefühl nicht los, sich in einer Brecker-Komposition zu bewegen.

Bei Ode handelt es sich um ein Werk der Extravaganz, das intensiv mit unterschiedlichen Aspekten lockt, die man erst bei immer wieder unternommenen Hörversuchen entdeckt. Es ist ein Album, das man sich nicht leid hören kann. Ein Steinbruch der Inspiration.

Strickjacken und Trivialapplikationen

In gewisser Weise ist das Bedürfnis nach einer neuen Politik verständlich. Nach der Studentenrevolte Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrtausends und den daraus resultierenden Mendelschen Derivaten in Terrorismus, Biedermeier und Reformanpassung hat sich qualitativ nicht mehr viel getan. Die Grünen waren der einzige nennenswerte Gegenentwurf zum damals im Parlament vertretenen Spektrum und sie haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten etabliert und integriert. Revolutionär war ihre Politik nie, sie hat jedoch Aspekte mit in die politische Programmatik aufgenommen, die bis dato tabuisiert worden waren. Heute ist diese Partei nicht minder systemimmanent wie die CSU, plädiert sie doch für Staatsinterventionismus auf der ganzen Linie und geht einher mit der Aura der moralischen Erleuchtung.

Interessant ist, wie Völker ihre jeweilige politische Erneuerung gestalten. Die Grünen sind deshalb ein gutes Beispiel für den Weg, den man in Deutschland radikal geht. Es ist der einer eher irrationalen Verweigerung, eine Mahnung an die alten Werte der Argrargesellschaft. Baldur Springmann, Erbe einer Industriellenfamilie und späterer Bauer der Schollenideologie, war keine Ausnahme, sondern ein Vertreter der Massenbasis der politischen Erneuerung in der Bundesrepublik, der andere Flügel der Grünen kam aus der maoistischen Studentenbewegung wie Jürgen Trittin, der dem Kommunistischen Bund Nord entsprang. Dieses Gemisch war in einem konsistent, dem Dogmatismus, ein anderer politischer Konsens war nicht in Sicht. Heute ist die Partei das Signet für den bildungsbürgerlichen Ökologismus, eine nicht zu unterschätzende Note des Mittelstandes.

Nun, nach und während der Weltfinanzkrise von 2008, kommt in der zeitgenössischen deutschen Republik abermals eine Gruppierung in den Fokus der notwendigen Erneuerung, die den Konstitutionsprinzipien den Grünen der achtziger Jahre ähnelt. Es sind die Piraten, deren Wesensmerkmal beschrieben ist mit ihrer Jugend und der Affinität zur Welt der digitalisierten Kommunikation. Das allein ist keine politische Qualität an sich. Es macht aber keinen Sinn, weder am Beispiel der Grünen damals noch dem der Piraten heute, diese Parteien zu kritisieren, weil sie keine fundierte politische Programmatik aufweisen. Ihre Relevanz entsprach und entspricht dem Zuspruch, den sie bei Wahlen erhalten.

Und das führt zu einem Punkt, den man den neuralgischen nennen könnte. Was treibt ein Volk, das Kritik am existierenden politischen System und seinen Vertretern formulieren will, dazu, auf ein Amalgam aus Holzpantinen und Humusboden da, oder Strickjacken und Trivialapplikationen hier, oder generell aus Irrationalismus und Rückständigkeit zu setzen? Die Krise der Demokratie, die nicht solitär in Deutschland zu herrschen scheint, ist gekennzeichnet durch Überdruss am Herrschenden und Suche nach Neuem. In den Niederlanden sehen wir eine Wendung zum Wertkonservatismus, in Frankreich und Griechenland gegenwärtig einen Trend sozialistisch-unionistischer Allianzen, nur in Deutschland hat man den Eindruck, dass der anti-autoritäre Reflex das einzige bleibt, was an politischem Unmut formuliert wird.