Archiv für den Monat Mai 2012

Die Intellektuellen und die hysterische Diktatur

Nicht, dass sie frei wären von menschlichen Irrtümern und Schwächen. Und nicht, dass es immer so wäre, als erhellten sie mit dem, was sie von sich geben die Welt. Aber dennoch spielen sie in einer Gesellschaft eine wichtige, ja dezidierte Rolle. Die Rede ist hier von den Intellektuellen. Gemeint sind diejenigen, die durch Bildung, Kreativität und Können in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu begreifen und Schlüsse zu ziehen. Und dass es Menschen gibt, die mit diesen Fähigkeiten ausgestattet sind, ist ein Segen für die Gesellschaft und ein Privileg für diejenigen, die zu dieser Gruppe gehören. Das sollte sowohl der Gesellschaft als auch den Intellektuellen selbst bewusst sein.

Aus der Existenz einer Intellektuellenschicht leiten sich Verpflichtungen für diese ab. Neben ihren eigenen Mühen und Verdiensten, die sie dahin geführt haben, wo sie ihre Existenz ausfüllen, ist es die Gesellschaft gewesen, die sie bei diesem Fortkommen unterstützt hat, manchmal wissentlich, manchmal unwissentlich. Die Gegenleistung, die die Gesellschaft von den Intellektuellen einzufordern berechtigt ist, ist die, dass diese sich einmischen in den Diskurs über das Ist und das Soll, über die Gegenwart und die Zukunft des Gemeinwesens.

Es hat Zeiten gegeben, da haben sich die Intellektuellen mehr als eingemischt in die politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Sie haben Stellung bezogen, und sie haben vor allem an Erklärungen gearbeitet für die brennenden Fragen ihrer Epoche und die sich daraus ergebenden Perspektiven. Sie produzierten Theorien, quasi am laufenden Meter, um die Befindlichkeit auf ein bestimmtes Niveau zu heben und erlebte Geschichte aus dem individuellen Empfinden herauszuholen. Das geschah nie ohne Fehler und nie ohne Makel, die Verpflichtung aber, sich aus einem Motiv der Verantwortlichkeit zu äußern und sich auszusetzen der kritischen Gegenrede, dieser Verpflichtung entzog sich kaum einer.

Nun, im post-heroischen und zynischen Zeitalter, in dem die digitalisierte Kommunikation die Margen des Diskurses setzt, scheint es so zu sein, als habe die Gesellschaft gar keine Intellektuellen mehr. Der gesellschaftliche Diskurs als solcher wird gar nicht mehr geführt. Stattdessen sind es mediokre Talkmaster, und nicht zu vergessen, Talkmasterinnen, die gleich einer juristischen Praxis in medialen Runden Einzelfälle öffentlichen Handelns betrachten und bewerten. Intellektuelle kommen in diesen Runden nicht vor. Dort taucht zwar ab und zu eine Spezies auf, die sich selbst Philosophen nennt, was an sich schon ein derart abstruser Vorgang ist, dass die gute Erziehung es verwehrt, auf diese harlekinesken Figuren überhaupt einzugehen. Der eine erscheint im Schillerkragen des deutschen Idealismus, um in der Unbestimmtheit des Silberblickes zu verweilen, die andere konstruiert ihren eigenen Markennamen aus den Silben eines Mythos der Frankfurter Schule, um sich in der Arroganz des distinguierten Prononcierens zu verlieren.

Die Intellektuellen jedoch finden gar nicht mehr statt. Weder in den politischen Parteien noch aus eigener Initiative werden Akzente gesetzt, und die Publikation der eigenen Gedanken, die vom lauen, irgendwie noch vorhandenen Minimalkonsens abweichen, bleibt aus. Erklärungen dafür gibt es genug. Da ist der Medienbetrieb, der ja so schön eingespielt ist auf den demagogischen Diskurs, dass man gerne unter sich bliebe. Und da ist die moderne Inquisition, die getragen wird von einem Gefühl der religiösen Überlegenheit des so genannten Gutmenschen, dass jeder, der die Stimme gegen das Gesetzte erhebt, sich schnell frei gegeben sieht zur Deportation aus dem öffentlichen Raum. Immer wieder finden rituelle Hinrichtungen statt, die an die Blütezeit des Obskurantismus erinnern. Das Ausbleiben eines vehementen Protestes der Intellektuellen kann diesen nicht den Vorwurf ersparen, ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nicht nachzukommen. Es ist aber auch ein Symptom für die Macht der hysterischen Diktatur.

Digitalisierter Kriminalismus

Sherlock. Mark Gatiss, Steven Moffat, Steve Thompson

Sir Arthur Conan Doyles Figur des Sherlock Holmes faszinierte durch seine Kombinationsgabe und die konsequente Missachtung der Konvention. Die Zeit, in der er agierte, kann als die Blüte des Empire bezeichnet werden. Was im Reich gesetzt wurde, galt in vielen Teilen der Erde und das strahlte zurück auf eine Gesellschaft, die vor Selbstbewusstsein strotzte. Die Toleranz gegenüber unkonventionellen Handlungsweisen resultierte aus dieser Stärke. Der Liberalismus ging aber immer nur so weit, wie das Regelwerk als Ganzes respektiert wurde. Der literarische Sherlock Holmes war, bis auf seine kombinatorische Genialität, ein Vertreter des kauzigen Briten, der im tiefen Kämmerlein des Unbewussten, wie so viele seiner Zeitgenossen, so manches Laster lagerte und zuweilen an die frische Luft ließ. Sein Alter Ego, der bodenständige, intellektuell grundsolide und grenzenlos loyale John Watson sorgte stets dafür, dass die Verkehrsformen gewahrt wurden. Letztendlich gehörten jedoch beide einer Welt an, die in sich konsistent war.

Die hier vorliegende Neuverfilmung der Conan Doyleschen Vorlagen hat kaum noch etwas von dem Geist, der dem Original zugrunde liegt. Die Drehbuchautoren Mark Gatiss, Steven Moffat und Steve Thompson haben einen Coup gestartet, der bis dato einzigartig ist. Sie nehmen die thematischen Muster des Klassikers, um eine spannende Handlung in das digitale Zeitalter zu transferieren. Das, was die bisherigen Zuschauer einhellig als das Gelungene der Verfilmung bezeichnen, sind die schnellen Schnitte, die Nutzung aller heute gängigen digitalen Tools, das Bloggen Watsons und die Entgrenzung der Arbeit.

Sherlock Holmes ist kein Kauz mehr, der sein enzyklopädisches Wissen, das es im 19. Jahrhundert noch gab, anwendet, um seine teilweise irrwitzigen Kombinationen zu tätigen, sondern ein Mensch (?), der operiert wie ein Computer. Wie eine digitale Rechenmaschine scannt er Informationen ein, seine Gedanken erscheinen wie Botschaften auf einem Display, seine Kombinationen werden visualisiert wie Formeln auf Rechnerprogrammen. Bei genauem Hinsehen nähert man sich mehr und mehr der Blaupause, die sich hinter der exzellent von Benedict Cumberbatch gespielten Figur verbirgt. Sie ist keiner Emotion fähig, sie misst, vergleicht und kombiniert wie ein Programm und der Witz besteht darin, dass diese artifizielle Gestalt aussieht wie ein zeitgenössischer Engländer und nicht wie eine Maschine.

Der Clou der Episoden, die aus den literarischen Vorlagen dechiffrierbar bleiben, besteht nicht in der Transponierung derselben in unsere heutige Zeit, sondern im Austausch des Protagonisten aus einer anderen Welt in eine heutige Maschine, die aussieht wie ein Mensch. Ohne das Publikum zu langweilen, wird die Thematik Mensch – Maschine neu inszeniert. Nicht nur, dass diese Dramaturgie im Verhältnissen zu früheren keine Horrorvisionen auslöst. Nein, sie ist auch noch unterhaltsam und dokumentiert uns damit Verhältnisse, die uns so eindringlich gar nicht mehr bewusst sind. Die Digitalisierung unserer Lebenswelt ist schlichtweg dabei, die Machtverhältnisse von Mensch und Maschine umzukehren. Die Nutzung der digitalen Tools hat dazu geführt, dass wir ihre Funktionsweise immer mehr in unser Denken und Handeln adaptieren. Was aussieht wie eine geniale Neuverfilmung historischer, eingestaubter Kriminalfälle, wird zu einem Stück über die Maschinisierung des Menschen, dessen Metamorphose auch noch witzig und genial erscheint.

Den britischen Drehbuchautoren ist es gelungen, einen doppelt dimensionierten Plot zu landen. Der Stoff Conan Doyles erscheint in einer Neuauflage frisch und zeitgemäß. Und hinter den Episoden verbirgt sich so ganz nebenbei eine Kulturkritik, die es in sich hat!

Riding high on Electricity

Buddy Guy. When I Left Home. My Story

The man who recently hoaxed the President of the United States he shoud not be shy singing Sweet Home, Chicago, because he himself had heard him already singing. Buddy Guy has a long road behind. The last of those who left the Mississippi Delta for hope of a better living followed characters like Muddy Waters and Howlin´Wolf. Buddy Guy left Baton Rouge in 1957 with his guitar and came to Chicago where he had to learn a lot.

The autobiography, written by David Ritz who has delivered an excellent work in making the oral history readable without losing its authenticity is an impotant document of Blues history. Under the titel Buddy Guy. When I Left Home. My Story it tells as well about the extraordinary individual and musician Buddy Guy as about social development of industrial Chicago and different periods of the Blues.

Arriving in Chicago ment to the youngsters coming up from the Delta being cheap work force in services or the meat factories and heavy industry. After their long and hard shifts they went to the Blues Clubs for dancing out the frustration. Blues, Booze and Sex was program in the clubs, even after nightshift at seven in the morning. There Buddy Guy started playing his kind of Blues for some dollars. During the day he drived trucks and in the night he was on stage. There he got acquainted with Muddy Waters who was a kind of a father to him. We get information about the way Willy Dixon exploited young musicians at the Chess Studios. Despite of the money race the extraordinary role of Chess in the history of Blues becomes as well aware as the visits of later famous musicians like the Rolling Stones who came over the Atlantic in the early sixties for jamming with the protagonists of Electric Blues from Chicago. They have been the Godfathers of the young white bands from Europe.

In Buddy Guys book we read about the hype of Blues in the fifties and early sixties, the downfall in the seventies, the renaissance in the eighties and nineties. Every time the genuine Blues musicians of Chicago had to suffer or – if fate was better – full pockets but they never have been rich. The main benefit has always been their experience, their knowledge of live which is substantial for playing the Blues. In the original language of Buddy Guy you will get sentences like Go against nature, nature will fuck you. Hitting sequences like that in the face of as white collar raised readers means to give them a rather authentic impression about socialization of the Blues musicians and their simple but deep wisdom. If you have the Blues, so Buddy Guy, you have to play it. And while playing you lose it. Is there anything to add?

As a musician Buddy Guy in these days is a messenger from a different world. The book helps to decipher its history in a thrilling way.