Marcus Miller, Renaissance
Marcus Miller gehört zu den Ausnahmemusikern einer Generation, die in den letzten zwei Jahrzehnten mit viel Furore auf sich aufmerksam machten. Zu ihnen gehören sicherlich Charaktere wie Branford Marsalis und die etwas jüngeren Joshua Redman, James Carter, Christian McBride oder Roy Hargrove. Marcus Miller jedoch war der, welcher mit dem Miles Davis Album Tutu, das im wesentlichen von Miller arrangiert worden war, schlagartig die uneingeschränkte Aufmerksamkeit erlangte. Obwohl er selbst ein vielseitiger Musiker ist und neben dem Bass noch andere Instrumente, und vor allem exzellent Klarinette zu spielen in der Lage ist, schrieb man ihn in das Buch der Ausnahmebassisten ein. Letzteres hinderte Miller nicht daran, eine grandiose Solokarriere zu starten und CDs wie Tales und Silver Rain herauszubringen, die in ihrer Intensität weit über den Zeitgeist hinausgehen.
Doch nach Silver Rain (2005) wurde es relativ still um Marcus Miller. Ab und zu erschienen Mitschnitte von Live-Konzerten, aber man wurde den Eindruck nicht los, dass Miller, der zwischenzeitlich die Fünfzig überschritten hat, in einer Krise steckte. Letztendlich schien er den Preis bezahlen zu müssen, den alle zu entrichten haben, die allzu früh im grellen Rampenlicht stehen und dann nur mit großen Mühen und gegen quälende Widerstände von der Momentaufnahme abstand nehmen können, auf die sie reduziert werden.
Marcus Miller hat, so wie es scheint, den Kampf gewonnen und sich von dem exponierten Solisten zu einem genialen Jazzbassisten entwickelt, dem das Genre und dessen Aussage wichtiger ist als die eigene Strahlkraft. Mit dem Album Renaissance kehrt Marcus Miller zurück mit einer Band junger, viel versprechender und sehr virtuoser Musiker, die nicht den großen Bassisten unterstützen, sondern die von einem der genialsten Bassisten unserer Tage ihrerseits getrieben werden. Vor allem Alex Han am Altsaxophon, Sean Jones an der Trompete und Adam Rogers an der Gitarre setzen Akzente, die melodiöse Stimmigkeit und tonale Expressivität zum Ausdruck bringen. Zusammen mit dem Schlagzeuger Louis Cato peitscht der in diesem Ensemble als Senior zu bezeichnende Marcus Miller am Bass eine regelrechte Musikforce zu künstlerisch hoher Qualität.
Gleich, ob in den Eigenkompositionen, von denen vor allem Detroit, Redemption, Jekyll & Hyde und Revelation zu überzeugen wissen, oder in den Cover-Versionen, Mr. Clean, Tightrope oder I´ll Be There, die Band überzeugt durch Tempo wie Ausdruck und der Rhythmus hat eine Qualität, die ihresgleichen sucht. Mit Ausnahme des Titels Setembro (Brazilian Wedding Song), der ein wenig wie ein unnötiger Beweis der zweifelsfrei vorhandenen Vielseitigkeit daherkommt, scheint Marcus Miller seine Wiedergeburt erlebt zu haben. Sie ist abgeleitet aus der Überzeugung, dass die monothematische Virtuosität des Solisten in die Sackgasse geführt hat. Im Ensemble hat er zu sich selbst gefunden! Das mutet nahezu weise an!
