Mediale Herrschaft, emotionale Radikalisierung

Momentan werden Erklärungen gesucht für eine emotionale Radikalisierung, von der immer mehr Gruppen der Gesellschaft erfasst werden. Letzteres ist ohne Zweifel festzustellen, ersteres in der Regel substanziell etwas dürftig. Vielleicht hülfe es, sich die Frage zu stellen, mit welchen Massenphänomenen wir konfrontiert werden, die uns zuweilen verzweifeln lassen. Und da sticht zweifelsfrei eine Erscheinung ins Auge, die Individuen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichster sozialer Provenienz und unterschiedlichsten Bildungsgrades dazu treibt, sich radikalisieren und alle Dämme brechen zu lassen. Das geht vom Fußballfan bis zum Wutbürger und ist insofern kein Problem des Fußballs, sondern ein Problem der Gesellschaft insgesamt.

Wir beobachten täglich, dass die medialen Bilder, die uns erreichen, zumeist nicht mehr mit den Worten korrespondieren, die diese Bilder erklären oder kommentieren sollen. Das mediale Erklärungsszenario entspricht in den wenigsten Fällen der sinnlichen Wahrnehmung, die wir bei der Aufnahme der Bilder verspüren oder der sozialen Erfahrung, mit der wir sie rezipieren. Stattdessen erzählen uns so genannte Kommentatoren oder Moderatoren etwas gänzlich anderes. Und natürlich sind es Herrschaftsgeschichten, die uns da mitgeteilt werden, die ganz harmlos anfangen als eine andere Wahrnehmung, die aber zumeist enden als Unterdrückung anderer Meinungen und Gruppen. Wer sich dem Trug nicht beugt, der wird beschimpft und ausgegrenzt und letztendlich der psychologisch arbeitenden Inquisition zum Fraße vorgeworfen.

Wir hatten Stuttgart 21, und da hat man wegen der Bildung und oft bürgerlichen guten Situierung derer, die da auf die Straße gingen, nach einem ersten Impuls der Härte die taktische Hinhaltung versucht. Da wurde dann gespalten und alles unternommen, um eine politische Agenda durchzusetzen, die nicht mehr vermittelbar war. Nun, im Falle von Fußballfans, wird der Knüppel herausgeholt, obwohl auch in diesem Falle ein emotionaler Protest gegen Bilder vorliegt, die gar nicht mehr zu den Kommentaren passen. Bei Gegnern von Stuttgart 21, die ebenso Gewalt anwendeten, wäre niemand auf die Idee gekommen, von Idioten zu sprechen, denen man heimleuchten müsse. Das scheint der Unterschied zu sein zwischen Bildungsbürgertum, das nicht in den Plan passt und Proletariern, die sowieso niemand mehr haben will, weil die Produktion von materiellen Werten tatsächlich etwas für Idioten geworden ist, wo es doch weitaus geistreicher erscheint, mit Optionen zu spekulieren.

Wir haben es also mit dem, was momentan in den medialen Übungsstätten für Herrschaftsideologie, sprich den Talk-Shows, mühsam austariert wird, einerseits mit dem Resultat der unverblümten Indoktrinierung von bewegten Bildern zu tun und andererseits mit einer klassengesteuerten Differenzierung zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. Bei der einen wird ganz klassisch der Knüppel herausgeholt, bei der anderen kommen demagogische Dompteure á la Geisler zum Zuge, die wiederum Legenden spinnen, denen niemand bei längerem Nachdenken glauben schenken sollte.