Die Intellektuellen und die hysterische Diktatur

Nicht, dass sie frei wären von menschlichen Irrtümern und Schwächen. Und nicht, dass es immer so wäre, als erhellten sie mit dem, was sie von sich geben die Welt. Aber dennoch spielen sie in einer Gesellschaft eine wichtige, ja dezidierte Rolle. Die Rede ist hier von den Intellektuellen. Gemeint sind diejenigen, die durch Bildung, Kreativität und Können in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu begreifen und Schlüsse zu ziehen. Und dass es Menschen gibt, die mit diesen Fähigkeiten ausgestattet sind, ist ein Segen für die Gesellschaft und ein Privileg für diejenigen, die zu dieser Gruppe gehören. Das sollte sowohl der Gesellschaft als auch den Intellektuellen selbst bewusst sein.

Aus der Existenz einer Intellektuellenschicht leiten sich Verpflichtungen für diese ab. Neben ihren eigenen Mühen und Verdiensten, die sie dahin geführt haben, wo sie ihre Existenz ausfüllen, ist es die Gesellschaft gewesen, die sie bei diesem Fortkommen unterstützt hat, manchmal wissentlich, manchmal unwissentlich. Die Gegenleistung, die die Gesellschaft von den Intellektuellen einzufordern berechtigt ist, ist die, dass diese sich einmischen in den Diskurs über das Ist und das Soll, über die Gegenwart und die Zukunft des Gemeinwesens.

Es hat Zeiten gegeben, da haben sich die Intellektuellen mehr als eingemischt in die politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Sie haben Stellung bezogen, und sie haben vor allem an Erklärungen gearbeitet für die brennenden Fragen ihrer Epoche und die sich daraus ergebenden Perspektiven. Sie produzierten Theorien, quasi am laufenden Meter, um die Befindlichkeit auf ein bestimmtes Niveau zu heben und erlebte Geschichte aus dem individuellen Empfinden herauszuholen. Das geschah nie ohne Fehler und nie ohne Makel, die Verpflichtung aber, sich aus einem Motiv der Verantwortlichkeit zu äußern und sich auszusetzen der kritischen Gegenrede, dieser Verpflichtung entzog sich kaum einer.

Nun, im post-heroischen und zynischen Zeitalter, in dem die digitalisierte Kommunikation die Margen des Diskurses setzt, scheint es so zu sein, als habe die Gesellschaft gar keine Intellektuellen mehr. Der gesellschaftliche Diskurs als solcher wird gar nicht mehr geführt. Stattdessen sind es mediokre Talkmaster, und nicht zu vergessen, Talkmasterinnen, die gleich einer juristischen Praxis in medialen Runden Einzelfälle öffentlichen Handelns betrachten und bewerten. Intellektuelle kommen in diesen Runden nicht vor. Dort taucht zwar ab und zu eine Spezies auf, die sich selbst Philosophen nennt, was an sich schon ein derart abstruser Vorgang ist, dass die gute Erziehung es verwehrt, auf diese harlekinesken Figuren überhaupt einzugehen. Der eine erscheint im Schillerkragen des deutschen Idealismus, um in der Unbestimmtheit des Silberblickes zu verweilen, die andere konstruiert ihren eigenen Markennamen aus den Silben eines Mythos der Frankfurter Schule, um sich in der Arroganz des distinguierten Prononcierens zu verlieren.

Die Intellektuellen jedoch finden gar nicht mehr statt. Weder in den politischen Parteien noch aus eigener Initiative werden Akzente gesetzt, und die Publikation der eigenen Gedanken, die vom lauen, irgendwie noch vorhandenen Minimalkonsens abweichen, bleibt aus. Erklärungen dafür gibt es genug. Da ist der Medienbetrieb, der ja so schön eingespielt ist auf den demagogischen Diskurs, dass man gerne unter sich bliebe. Und da ist die moderne Inquisition, die getragen wird von einem Gefühl der religiösen Überlegenheit des so genannten Gutmenschen, dass jeder, der die Stimme gegen das Gesetzte erhebt, sich schnell frei gegeben sieht zur Deportation aus dem öffentlichen Raum. Immer wieder finden rituelle Hinrichtungen statt, die an die Blütezeit des Obskurantismus erinnern. Das Ausbleiben eines vehementen Protestes der Intellektuellen kann diesen nicht den Vorwurf ersparen, ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nicht nachzukommen. Es ist aber auch ein Symptom für die Macht der hysterischen Diktatur.