Nicht nur in den Vorstellungen über Szenarien der Machtübernahme spielte die Theorie der Avantgarde im letzten Jahrhundert eine dominierende Rolle. Abgeleitet aus der Begrifflichkeit des französischen Militärs bedeutete Avantgarde etymologisch eine Vorhut oder Vorabteilung, die fremdes Territorium zunächst erkunden und dann durch die gesammelten Kenntnisse und Fähigkeiten für die heranrückenden traditionellen militärischen Verbände sturmreif machen sollte. Vor allem die marxistischen und insbesondere die russischen Revolutionäre unter Lenin setzten mit diesen Überlegungen ein historisches Paradigma.
Begründet durch die begriffliche Dominanz, ließ eine Analogie in der Überlegung zu Zeitenwenden und neuen Machtverhältnissen auch in anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens nicht lange auf sich warten. Avantgarde wurde ein Begriff, der im übertragenen Sinne für den radikalen Wandel stand. Vor allem in der Sphäre der Künste spielte er eine bedeutende Rolle. Aus den verschiedenen, seit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandenen revolutionären Kunstbewegungen in Literatur, Theater, in den bildenden Künsten und im aufkommenden Film spielte der Begriff der Avantgarde eine wesentliche Rolle.
Allen avantgardistischen Kunstbewegungen waren bestimmte Konstitutions- und Funktionsprinzipien gemein. Sie können zusammengefasst werden als radikale Abkehr von gewohnten Motiven und Techniken, Inszenierung des Neuen durch den Schock, der die dominierende didaktische Rolle spielte, Einführung neuer Kategorien und Denkweisen und vor allem die Stimulans beim Publikum, dass Kunst praktische Folgen haben müsse. Paris, Zürich, Berlin, München und Moskau waren die Zentren für Dadaismus, Kubismus, Konstruktivismus, Expressionismus, Surrealismus etc., die nach den beschriebenen Prinzipien den etablierten Kulturbetrieb durcheinander rüttelten und für eine Zeitenwende im modernen Leben sorgten. Das Kunstwerk wurde zu einem lebenspraktischen Akt, der das Potenzial in sich trug, die Welt zu verändern. Und alles, was die Kunst als autonomen Prozess des bürgerlichen Individuums ausgemacht hatte, wurde mit einem Schlag außer Kraft gesetzt. Plötzlich wurde von Kunstproduktion gesprochen und der Aufsatz Walter Benjamins mit dem Titel Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit mutet aus heutiger Sicht an wie eine Arbeitsstudie aus dem industriellen Zeitalter.
Oskar Maria Graf beschreibt in einem seiner autobiographischen Romane, wie das Publikum im München jener Zeit reagierte, als in einer Schwabinger Galerie zum ersten mal Chagalls Blaues Pferd ausgestellt wurde. Schock und Empörung können nicht eindringlicher dargestellt werden. In der erst in den siebziger Jahren entstandenen Theorie der Avantgarde, die sich aus der Retrospektive noch einmal mit den revolutionären Kunstbewegungen auseinandersetzte, wurde der Schock als das Konstitutionsprinzip der Avantgarde überhaupt dargestellt. Und, darin besteht der Verdienst dieser Theorie, es wurde daraufhin und nachgewiesen, dass, sobald der Schock verflogen war, die Verwertungsprinzipien erfolgreich einsetzten, um den revolutionären Gedanken zu einem konsumierbaren Massenprodukt zu machen, ohne praktische Folgen versteht sich. Das galt für die historische Avantgarde genauso wie für die Beatles und den Punk, für Andy Warhol wie für Dos Passos.
Seitdem, so scheint es, wurde der bewusst inszenierte Schock zu einer Art Vorbedingung für die spätere erfolgreiche Verwertbarkeit eines neuen Produktes. Alles andere gilt als langweilig und nicht spannend. Das Revolutionäre ist zumindest in diesen Segmenten der menschlichen Erfahrung dahin. Die technische Reproduzierbarkeit hat das Kunstwerk selbst abgelöst und das neue Kunstwerk ist die Blaupause, nach deren Launching durch ein Event die Serienproduktion einsetzen kann.
