Der Fall aus der Zeit

Es waren deutsche Emigranten, genauer gesagt diejenigen, die man später als das politische Exil bezeichnete, die diese Redewendung prägten. Sie beschrieben damit das, was sie selbst erlebt hatten. Standen sie doch, als Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Sportler oder Unternehmer mitten im Leben, wie man so treffend ausdrückt, ehe die faschistische Bewegung kam, die Macht erlangte und sie vor die Wahl stellte, entweder alles aufzugeben und zu fliehen oder zu bleiben und in absehbarer Zeit vernichtet zu werden. Wenn ihnen die Flucht gelang, waren sie wie abgeschnitten vom weiteren Leben in ihrem eigenen Land, während sie in anderen Welten sich ein neues, anderes Leben unter dramatisch anderen Umständen erkämpfen mussten, ging dasjenige in ihrer alten Heimat weiter. Doch sie waren abgeschnitten und die dort Verbliebenen trauten sich oft nicht, Kontakt zu den Emigranten zu halten, weil es lebensgefährlich war dieses zu tun.

Folglich saßen die Emigranten in Marseille und Lissabon, wo sie auf Schiffspassagen in die Freiheit warteten, oder sie hatten es geschafft und waren bereits in New York oder Buenos Aires. Sie hatten alles aufgegeben und kamen in eine neue Welt, die mit der alten wenig zu tun hatte. Nach schon wenigen Jahren konnten sie nicht mehr verstehen, was in dem Land geschah, aus dem sie selbst kamen. Sie sprachen zunehmend vom Fall aus der Zeit, um diesen Zustand der Verständnislosigkeit zu beschreiben, der ihnen als das Schlimmste galt, was ihnen das Exil zumutete. Schrieb man seitdem dem zumeist politischen Exil diesen Preis der Extraktion aus der eigenen kulturellen Identität zu, so muss heute eine Entwicklung hinzugeschrieben werden, die an sich und aus sich selbst heraus zunächst als eine zivilisatorische betrachtet wird.

Es handelt sich hierbei um die die Folgen stetig sinkender Halbwertzeit technischer Innovation. Immer kürzer werden die zeitlichen Abstände zwischen den technisch aufeinander folgenden Lebenswelten. Röhre, Transistor und Chip sind in Rückbetrachtung alles Vorherigen historische Dimensionen, die aufgrund ihrer Folgen für die praktische Lebenswelt als Erscheinung jeweils allein ein Jahrhundert hätten prägen müssen. Stattdessen teilten sie sich eines und stellten die Menschen vor Anpassungsleistungen, die ihrerseits immens waren. Mit diesen jeweiligen Aufwendungen wuchsen die Ängste, diesem irgendwann nicht mehr gewachsen zu sein.

Das wäre nichts Neues, wenn sich die Versagensängste vor dem technischen Fortschritt und seinen Folgen nicht auch bezögen auf die praktische Kritik an ihren Wirkungen. Dann das System der chronischen Verwertung ist ein aggressives und bescheinigt mittlerweile jedem, der technische Innovationen, die auf dem Markt erscheinen, wegen ihrer politischen, gesellschaftlichen, pädagogischen oder kognitiven Folgen kritisiert, als historisch abgelaufenes Exemplar. Mit diesem Stigma ist man jedoch aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Daher versuchen alle, die auch nur halbwegs kritisch zu denken vermögen, diesen Eindruck zu vermeiden und schicken jeder auch nur der Kritik verdächtigen Formulierung die Beschwörung voraus, man lebe in einer vor allem aufgrund der technischen Neuerungen gesegneten Zeit.

Es ist ein schlechtes Zeichen, weil es einen absoluten Anspruch dokumentiert, der hinter dem technologischen Komplex steht, der unsere Lebenswelten dominiert. Die Androhung mit dem Fall aus der Zeit, mit der Entkoppelung vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben allein reicht aus, um vehemente Kritik zu formulieren und das totalitäre Denken politisch zu attackieren.