Insbesondere die jüngsten Theorien über die Typisierung des Menschen als primordial soziales Wesen sollten beunruhigen. Über allem, was unsere Gattung ausmacht, steht das Bedürfnis, sich in einer sozialen Organisation zu definieren. Alles andere, so sind sich Soziologen, Sozialpsychologen und Psychologen zunehmend einig, spielt eine eher untergeordnete Rolle.
Grundlage für die Handlungsfähigkeit sozialer Wesen ist die soziale Erfahrung. Letztere sammeln wir in direkten, unmittelbaren Sozialkontakten, aus denen wir unsere Schlüsse ziehen. Wir lernen, welche Reaktionen wir auf unser eigenes Agieren und Verhalten erhalten und wir beobachten, wie wir auf das Verhalten Anderer reagieren. Daraus sammeln wir soziale Erfahrungen, die sich auf unser zukünftiges Verhalten wiederum auswirken.
Analog ist es mit den Räumen, in denen wir uns bewegen. Betreten wir uns unbekanntes Terrain, so müssen wir es erkunden. Wir machen dieses durch Beobachtung von Objekten, denen wir uns nähern und wir machen dieses durch soziale Interaktion, in dem wir andere Menschen fragen, wie wir uns bewegen müssen, um zu unserem Ziel zu kommen. Indem wir das tun, erfahren wir wiederum einiges über die Menschen, die hier leben, arbeiten und den kulturellen Stil dieser Geographie prägen.
Erkenntnisse, die es wert sind, als solche bezeichnet zu werden, haben etwas zu tun mit einem Prinzip von Try and Error im Kontext einer sozialen Interaktion. Unser kognitiver Apparat verarbeitet das Unmittelbare des sozialen Kontaktes nicht nur in einer ganz andren Intensität, vor allem was das Prägende und das Erinnerungsvermögen betrifft. Nein, das Direkte im menschlichen Kontakt sorgt auch dafür, dass sich so etwas wie Intuition herausbildet. Ein Instinkt und Einfühlungsvermögen, wie sich etwas auf das soziale Empfinden derer auswirkt, mit denen wir zu tun haben.
Die Entwicklung so genannter Apps, mit denen uns zuerst die Apple-Welt überzogen hat, ist zunehmend darauf angelegt, uns alles zu ersparen, was uns vor allem in fremder Umgebung sonst nur auf dem Weg eines sozialen Lernprozesses zuteil geworden wäre. Bist du in einer fremden Stadt, so klickst du Apps an, um Sehenswürdigkeiten genannt, den Weg beschrieben, Toiletten geortet, Restaurants empfohlen zu bekommen. Seitdem werden Menschen gesichtet, die in ihnen fremden Städten nicht mehr offenen Blickes, das Gespräch suchend durch die fremde Umgebung flanieren, sondern mit einem Smartphone in der Hand, den Blick auf das Display gerichtet, robotergleich und gebückten Schrittes an ihre vermeintlichen Ziele kommen.
Wenn sie danach von der fremden Umgebung berichten, dann erzählen sie, sie hätten dank der Apps alles gleich gefunden und der Hamburger sei o. k. gewesen. Da hat sich dann keine kulturelle Dimension mehr erschlossen. Großartige Programme, zur Zertrümmerung des kognitiven Apparates. Die schöne neue Welt war wohl schon gestern.
