Archiv für den Monat April 2012

Von der Politik zur Bürokratie

Wenn der Nachbar zum Feind wird, sollte man sich die Zeit gönnen, etwas inne zu halten und das Vergangene Revue passieren lassen. Zu fatal sind die Schäden, die sich aus solchen Friktionen ergeben und es dauert sehr lange, in der Regel zu lange, bis die Wunden geheilt sind. Der Haftbefehl gegen deutsche Steuerfahnder seitens der Schweiz ist das vorerst unrühmliche Ende einer Entfremdung der deutschen Politik von den Grundsätzen, die die internationalen Verkehrsformen definieren: der staatlichen Souveränität in der Rechtsprechung. Das Ansinnen, Mittelsmänner zu beauftragen, in einem anderen, souveränen und lupenrein demokratischen Staat Straftaten zu begehen ist an sich schon ungeheuerlich. In diesem Fall ist es in seiner Unverfrorenheit kaum noch zu überbieten. Der Aufschrei vor allem von Sozialdemokratie und Grünen soll wohl auch übertünchen, dass die Auftragnehmer der deutschen Behörde beide wegen Straftaten in der Schweiz rechtskräftig verurteilt wurden. Während der eine seine Haftstrafe absitzt, hat sich der andere in der Zelle erhängt.

Steuerhinterziehung ist eine für jeden Staat fatale Angelegenheit und sollte nicht bagatellisiert werden. Die Kosten für das Gemeinwesen müssen gedeckt werden und nicht selten sind es gerade diejenigen, die über Reichtümer verfügen, die sich ihrer staatsbürgerlichen wie sozialen Verantwortung zu entziehen suchen. Dafür darf es kein Pardon geben, was allerdings nicht bedeutet, dass die gebotene Entschlossenheit dazu führt, auf der Souveränität eines benachbarten und befreundeten Staates herum zu treten. Gerade dieses geschieht zur Zeit, weil das Gift des Moralismus als Begründung für einen klaren Rechtsbruch herhalten soll.

Das Motiv, welches der Steuerflucht innewohnt, ist seinerseits nicht immer nur asoziale Gier. Vielleicht täte es auch gut, einmal darüber zu räsonieren, ob die Dimension der staatlichen Intervention in alle Lebensbereiche nicht auch eine Ursache für die chronische Unterfinanzierung des Staatsapparates geworden ist. Die zum Teil verwerflichen Aktivitäten von Staatsbürokraten wie zum Beispiel der Beteiligung an den spekulativen Geschäften, die zur Weltfinanzkrise geführt haben, indem es keinen Skandal gab, an dem nicht Landesbanken in der ersten Reihe standen und mit Steuergeldern gerettet werden mussten, sollten doch auch einmal in ihrer gesamten finanziellen Dimension gelistet werden.

Wir befinden uns mitten in einer Entwicklung, in der der Ausbau der Staatsintervention nicht nur zu einer sich zunehmend aggressiv gebärdenden Bürokratie geführt hat, sondern diese dabei ist, das Zepter des politischen Handelns in die eigene Hand zu nehmen. Das sind Staatsmonopolisierungstendenzen, die für die Demokratie weitaus gefährlicher sind als vieles andere, weil eine nicht demokratisch legitimierte Schicht von Akteuren die Sache der Öffentlichkeit betreibt und letztere dafür auch noch in Haftung nimmt.

Bürokratie an sich kann ein hohes zivilisatorisches Gut sein. Eine solche steht unter dem Primat der Politik. Staatsmonopole haben es an sich, die Bürokraten zu den Hauptakteuren zu machen und die Politiker zur Volksbelustigung durch die Lande zu schicken. Sieht man sich die fragwürdige Praxis der Anstiftung zum Rechtsbruch in der Schweiz genauer an, dann sind die Politiker, vor allem die aus NRW, die sich natürlich auch im Wahlkampf befinden, zu Pressesprechern völlig durchgedrehter Finanzbehörden verkommen. Da ist guter Rat teuer! Wesentlich teurer als manche auf dem schwarzen Markt erworbene CD!

Funk aus dem Hohen Norden

Mo‘ Blow. For those about to Funk

Eines der Merkmale der Globalisierung ist die lokale Entbindung. Wer assoziiert nicht immer noch die Nordseekrabben, die er aus dem Regal holt, als rein friesisches Produkt, obwohl marokkanische Frauen sie geschält haben? Und wer will schon gerne realisieren, dass wesentliche Bauteile französischer Saxophone aus Taiwan stammen? Im Bereich der Musik ist das nicht anders. In Asien gibt es Samba-Formationen, die die brasilianische Herkunft spielend vergessen lassen und im kalten Großbritannien schälen Blueser mit unverwechselbarer Empathie ihre Gitarren, ohne dass sie jemals im Mississippi Delta gewesen wären.

Die deutsche, genauer gesagt, die Berliner Gruppe Mo´ Blow kann mit Fug und Recht für sich reklamieren, eine Funk Band zu sein und was sie machen, überzeugt auch emotional in hohem Maße. Funk, ein Genre, bei dem eher Schlagworte wie James Brown, Marceo Parker, Frank Wesley, Knoblauch, Hitze und Spicy Chicken Wings in den Sinn kommen, kann nicht nur in Alabama, sondern auch in Berlin zu voller Wirkung kommen. Und als sei das nicht genug, hat die Band um Felix F. Falk gleich noch ein Funkschwergewicht aus dem Land der Sonnenfinsternis mit hinzu gebeten. Nach einer Anfrage fungierte schließlich der Schwede Nils Landgren als Produzent des Ganzen.

Das Album For those about to Funk wurde im November 2011 im P1 Studio im Osten Berlins aufgenommen. Zur Gruppe Mo´Blow gesellte sich Nils Landgren und einige Mitglieder seiner Funk Unit. Heraus kam perfekter Funk. Nicht nur, dass die meisten Eigenkompositionen der Band von der Instrumentierung und dem Arrangement her perfekt inszeniert wären. Nein, auch die Phrasierungen tragen das Atmosphärische weiter, welches für den Funk, der aus einem Groove geboren wurde, lebenswichtig ist.

In der Eigenkomposition Fried Chocolate merkt man noch das besondere Setting. Sie hört sich an wie ein ureigenes Stück von Nils Landgren, der auch gleich eine Dominanz setzt, bevor irgendwann ein Baritonsaxophon deutlich macht, dass der Schwede zu Gast in Berlin ist. Bereits bei Eleven Feels Like Heaven zeigt Tobias Fleischer am Bass, was ein hitziger Groove auf Berliner Lehmboden ist und bei Along Came Mag herrscht bereits ein Fusionzustand im Funkzusammenspiel zwischen Berlin und Stockholm, was der Funk Unit Sänger Magnum Coltrane Price mit seinem Text verdeutlicht. In Volkman´s Van zeigt vor allem André Seidel am Schlagzeug, wie der Funk akzentuiert werden muss. Und bei Ricky The Lobster, dass von einem Slap Bass vorwärts gepeitscht wird, erleben wir noch einmal in aller Intensität das Sphärische jenes Genres, das tief aus dem amerikanischen Süden kommt.

For those about to Funk ist ein sehr dynamisches und frisches Album, das in keiner Weise Zweifel aufkommen lässt, ob im Hohen Norden der richtige Ort ist, um Südstaatengefühle aufkommen zu lassen. Mo´ Blow ist eine Band, die noch von sich reden machen wird.