Archiv für den Monat April 2012

Eine Parabel zur monothematischen Welterklärung

Christian Kracht. Imperium

Christian Kracht, der einige Jahre seines Lebens in Asien verbracht hat und die Lebensumstände dort so gut kennt wie das alte Flair und Stigma des Kolonialismus, hat sich in die Vergangenheit begeben, um einen Roman zu schreiben, der mit gutem Recht als eine Parabel bezeichnet werden kann. Nicht nur, dass er in die Vergangenheit und in eine geographisch ferne Welt geht, um eine zeitgenössische Entwicklung und die in ihr liegenden möglichen Tendenzen zu beschreiben, nein, er greift auch auf historische Begebenheiten zurück. In dem Roman Imperium nimmt er sich eine Bewegung vor, die es tatsächlich in verschiedenen Varianten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre hinein gab und die mit dem Ende des Industrialismus wieder auftauchte.

Die verschiedenen Formen einer Weltanschauung, die nach dem Fin de Siecle unter dem Slogan Zurück, oh Mensch, zur Mutter Erde firmierten, hatten die Kritik vom technischen Fortschritt und den damit verbundenen Technisierungen und Zivilisierungen zum Gegenstand. In Imperium wird dieses zu einer Theorie, die, sicherlich überzeichnet, nicht nur die Abkehr von der traditionellen Zivilisation, sondern eine Hinwendung zum Vegetariertum, genau genommen der Zuwendung zu einer exklusiven Ernährung durch Kokosnüsse bedeutet. Das alles scheint zunächst kurios, ist aber historisch durch vielerlei absurde Konzepte belegt.

Die Geschichte selbst zeichnet nicht nur das Kolorit des deutschen Kolonialismus in der Südsee, sondern eben auch den Eskapismus bestimmter Bewegungen, die sich in die Kolonien aufmachten, um nach ihren vegetarischen Idealen zu leben. Die von Kracht erzählte Handlung beinhaltet ein einfaches wie vernichtendes Fazit: Besagte Bewegungen hatten weder etwas Anti-Koloniales noch in die Zukunft Weisendes, sondern sie scheiterten allesamt und führten zu manchem Debakel.

Will man die mit der, wie gesagt, es handelt sich um eine Parabel, Botschaft Krachts entsprechend ihrer Aussage redlich umgehen, dann ist es ein deutlich gemeinter Fingerzeig auf das hoffnungslose Unterfangen, mit einer monothematischen Welterklärung der komplexen Existenz der Moderne einen Gegenentwurf zu bringen, so ist dieser auf klägliche Weise zum Scheitern verurteilt.

Die Süffisanz, mit der Kracht ohne Frage die Geschichte erzählt, sei ihm insofern unbenommen, als dass es quasi ein Jahrhundert später wieder derartige Bewegungen gibt, die mit missionarischem Eifer und sektiererischer Schärfe ein Anliegen vortragen, das sich bereits schon einmal als eine klägliche Randnotiz der Weltgeschichte ereignet hat. Die Reaktionen auf das Buch machen deutlich, dass er einen Nerv getroffen hat, der durchaus noch vorhanden ist. Und der Verweis auf die eine oder andere ideologische Entgleisung, die den Renaturierungsbewegungen folgte, ist keine Erfindung Krachts, sondern in den Archiven zu finden. Nicht wenige Mitglieder der Naturzuwender fanden sich nach dem Scheitern ihrer Versuche im ideologischen Amalgam des Faschismus wieder und waren dort wohl gelitten. Nicht, dass das für alle gälte, aber es gab sie eben.

Insofern täte es gut, Imperium, das sich sprachlich von vielen zeitgenössischen Büchern qualitativ immens abhebt, kühlen Mutes zu lesen und die Frage zuzulassen, ob die radikale Vereinfachung eine Antwort auf die Komplexität unserer Welt sein kann.

Der Zeitkorridor vor dem Finale

Louis Begley. Schmidt Steps Back

Die US-amerikanische Literatur liefert dem alten Europa Epen, die dieses nicht mehr zu erzählen in der Lage ist. Nach John Updikes Rabbit-Tetralogie, in der dieser einen Einblick in Entwicklung wie Seelenleben des Mittelstandes aus der amerikanischen Provinz gab, hat Louis Begley nun mit dem dritten Buch über Albert Schmidt die Befindlichkeiten und Brüche der Upper-Middle-Class der Ostküste in einer großen Erzählung verarbeitet. Nach About Schmidt und Schmidt Delivered erscheint nun mit Schmidt Steps Back der wohl letzte Band.

Obwohl mit den drei Büchern maximal 15 Jahre des Protagonistenlebens thematisiert wurden, sind in ihnen fulminante Entwicklungen und Brüche enthalten. Vergegenwärtigt man sich, dass das Schmidt-Epos mit dessen Eintritt ins Rentnerleben beginnt, ist es erstaunlich und als erste Botschaft bereits revolutionär, wie vieles sich noch in dem Leben dieses störrischen Kauzes ereignet. Es sind flüchtige wie leidenschaftliche Verhältnisse zu Frauen, die nicht um einen Grad weniger erotisch sind wie die eines jungen Mannes. Es sind Enttäuschungen, die aus der Erkenntnis resultieren, dass die institutionellen Pflichten, die aus einer gesellschaftlichen Sozialisation entstehen, keine wahren, tiefen zwischenmenschlichen Beziehungen per se herstellen. Und es sind Lehren, die gezogen werden müssen aus der Einsicht, dass soziale Bande und professionelle Verhaltensmuster nicht mit irgendwelchen Techniken hergestellt werden können.

Was Begley mit seinen drei Schmidt-Büchern sehr eindringlich nahe bringt, ist die Sicherheit, dass selbst die so eherne Stabilität einer Zivilisation wie der an der Ostküste wie der Flaum eines jungen Vogels im atlantischen Wind hin und hergetrieben werden kann und selbst die großen Gewissheiten einer kulturell vermeintlich herrschenden Klasse sich in Nichts aufzulösen in der Lage sind, sobald die globalen Turbulenzen die Richtung unerwartet ändern.

Die Metamorphose des festen Weltbildes eines erfolgreichen Anwaltes, der durch persönliches Schicksal aus dem Verwertungsprozess herausfällt, ist jedoch das Spannendste an Begleys Erzählung. Alles, was sich in materiellem Erfolg messen lässt, nimmt ihm ein Stückchen Glück und alles, was ihn menschlich weiter bringt, liegt in einer gänzlich anderen Sphäre und ist mit den Maßen der Gesellschaft, der er entspringt, gar nicht zu messen. Die Botschaft Begleys ist die Notwendigkeit einer Entkoppelung von der Berufs- und Erfolgssozialisation, sofern man vom Leben nach der Arbeit noch etwas erwarten will. Alles andre ist der Abstieg in die Katakomben der Existenz. Nur der Paradigmenwechsel vom Materiellen in das Reich der Weisheit und Philanthropie bietet dem Menschen, der weiß, dass er vor dem Finale steht, noch einen Zeitkorridor, in dem eine existenzielle Qualität zur Wirkung kommen kann.

Das alles ist von einem Mann erzählt, der aufgrund seiner eigenen Vita weiß, wovon er spricht und der das Handwerk der mündlichen Erzählung exzellent beherrscht und zu verschriftlichen weiß. Louis Begley ist ein großer Erzähler und das, was er uns erzählt, wirkt weit in unser aller Zukunft hinein. Denn Albert Schmidt, der Mann mit den Brüchen und den schmerzhaften Erkenntnissen, das sind wir selbst. Wenn nicht jetzt, dann irgendwann.

Ein Gedicht und die Folgen

Günter Grass, 84, Literat, Nobelpreisträger, Inhaber eines deutschen Passes, hat ein Gedicht geschrieben. In diesem Gedicht äußert er seine Angst vor einem israelischen atomaren Erstschlag gegen den Iran. Das hat er so geschrieben. Und damit hat er in seinem Heimatland wieder eine Diskussion vom Zaun gebrochen, die den Namen nicht verdient. Was da von allen Seiten formuliert wird, sind O-Töne aus der Vor-Aufklärung, oder anders herum, es ist tiefstes, von der Inquisition dominiertes Mittelalter. Im Sekundentakt war der Autor sowohl Hassprediger als auch Antisemit und alle, die wiederum ihn kritisierten, wurden zum zionistischen Gesindel.

Die Art und Weise, wie in diesem Land Diskussionen geführt werden, dokumentieren die große Distanz zu einer gelebten Demokratie. Wie im Falle Sarrazin, wie jüngst im Falle der Autoren des Buches Kulturinfarkt, so ist nun Günter Grass eine Zielscheibe des Netmobs geworden. Und in Windeseile werden seine Kritiker zur Beute des anderen Mobs. Scheußlich ist es, das Diskriminatorische überwiegt, einig ist man sich nur, dass bestimmte Tabus nicht angesprochen werden dürfen.

Wenn der Schriftsteller Günter Grass glaubt, der Staat Israel neige zur Zeit zu einem atomaren Erstschlag gegen den Iran, so ist das sein gutes Recht. Dass man auch begründet glauben kann, die eigentliche Gefahr gehe vom Iran aus, dass man der Meinung sein kann, die israelische Regierung stehe uns im Zentrum Europas kulturell und systemisch näher als der Despot Achmadinedschad, ist ohne jeden Zweifel eine gute Option. Aber um Optionen geht es schon lange nicht mehr.

Wenn eine Verpflichtung aus dem deutschen Faschismus und dessen unsäglichen Taten entstanden ist, dann ist es die zu Toleranz und Freiheit. Das Dogmatische und Diskriminatorische, geboren aus einem Moralismus, der jede Relativität außer Kraft setzte, waren die ideologischen Versatzstücke des Pogroms und der Verfolgung. Diese galt und gilt es zu bekämpfen und keinen Wettbewerb des besseren moralischen Prinzips anzuzetteln. Warum erträgt man es nicht in Deutschland, ganz ruhig sagen zu können, dass Grass das Recht hat, so etwas zu schreiben, ohne dass man seine Meinung teilt. Und dass vielleicht ihm das Verdienst zukommt, über etwas nachzudenken, was vorher in einer Tabuzone verborgen war?

Kaum war das Gedicht in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, fanden die ersten Pogrome im so gepriesenen Netz statt, die Generation Facebook vorneweg, die kräftig dabei ist, ihren elektronisch-geistigen Müll über die Träger der einen oder anderen Position auszuleeren. Wir befinden uns nicht im Diskurs über Meinungen, Positionen und Ideen, sondern in einer Atmosphäre der Vernichtung von Trägern bestimmter Auffassungen. Das ist nicht nur nicht demokratisch, sondern in der Form, wie es geschieht, in hohem Maße unzivilisiert.

Vielleicht ist es auch zu milde und verständnisvoll immer wieder von dem deutschen Trauma zu sprechen. Der Faschismus liegt viel zu lange zurück, als dass man damit den Verlust oder das Nicht-Vorhandensein von Respekt und Toleranz erklären könnte. Letzteres verdienen alle, der Autor des Gedichts wie seine Kritiker. Ist das eine so schrecklich ungewöhnliche Erkenntnis? Und ist uns das Hemd der hysterischen Hetze näher als der demokratische Rock?