Archiv für den Monat April 2012

Die Leichtigkeit des Narrativen

Michael Ondaatje. The Cat’s Table

Michael Ondaatje, den bitte niemand mehr auf die Autorenschaft des Englischen Patienten reduziert, hat eine neue Erzählung herausgebracht. Mit The Cat´s Table hat sich Ondaatje auf eine Episode seines eigenes Lebens konzentriert, die prägend sein sollte. Handlungsrahmen ist eine 23-tägige Schiffspassage von Columbo nach London, die der Autor selbst im Alter von 12 Jahren erlebte, als er auf dem Weg vom damaligen Ceylon zu seiner Mutter nach England war. Ondaatje, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag, versucht sich an diesen autobiographisch historischen Moment zu erinnern und beginnt eine Textur zu weben, die nicht einfach zusammen zu bringen ist.

Mit der Metapher des Katzentisches, an dem die Kinder in der Zweiten Klasse saßen, verweist Ondaatje gleich auf die Startbedingungen, die er als blutjunger Emigrant aus der englischen Kolonie auf dem Weg zum Zentrum des Imperiums, London, hatte. Zeuge des Geschehens, am Rande, nicht ganz ernst genommen. Was, wie im richtigen Leben, bei der Wahrnehmung des Katzentisches durch die etablierte Gesellschaft fehlt, aber in Ondaatjes Erzählung eine Kontur bekommt, sind die Impulse, die von dort ausgehen.

Ondaatje beschreibt in loser Assoziation die verschiedenen Streiche der Heranwachsenden an Bord, ihre Abstecher an Land und die dortigen Impressionen wie die Charaktere und Typen an Bord. Natürlich ist es ein pittoreskes Ensemble, angefangen von einem mysteriösen Häftling, der nachts in Ketten seinen Rundgang an Deck macht, über den Millionär, der wegen einer Krankheit in die koloniale Zivilisation gebracht werden soll, den Musiker Mazappa, der alle Passagiere durchschaut, das Leben gesehen hat und sich an der Formalität und dem Luxus von Sidney Betchets Klarinetten-Soli ergötzt oder dem ceylonesischen Englischlehrer, der sein letztes Geld zusammengekratzt hat, um in das Land zu kommen, das ihm als Wiege hoher Poesie gilt.

Ondaatje fertigt nie mehr als kleine Skizzen, die er lose miteinander verbindet, die jedoch in keinerlei Chronologie zu fassen sind. Dadurch gelingt es ihm, schon durch das Formale die Ambiguität der hier auf dem Schiff mit dem Namen Oronsay Versammelten zu beschreiben. Sie kommen aus der geographischen wie sozialen Heterogenität der ceylonesischen Welt und sind auf dem Weg in eine noch komplexere, in der sich gerade in den fünfziger Jahren des XX. Jahrhunderts Migranten aus dem ehemaligen Weltreich anzusiedeln begannen und sowohl etablierten als auch untergingen. Ondaatje selbst, niederländisch-tamilisch-singhalesischer Herkunft, sollte nur bis 19962 in London bleiben und dann eine neue Heimat im nicht kolonialen, konkordanten Kanada suchen und finden, wo er bis heute lebt.

Die kurz gefassten, teils pointierten, teils fraglichen Geschichten, die aus der Perspektive des Katzentisches erzählt werden, hinterlassen einen tiefen Eindruck, weil sie nichts beschönigen und glorifizieren und weil sie daher dem Leben so nah sind. Da plätschern Schlüsselerlebnisse genauso am Bewusstsein vorbei wie das Graue und Profane und neben dem Interesse an dem Erlebnis eines Heranwachsenden kommt da plötzlich Wesentliches über die Tücken inter-kultureller Migration und und das Exil. Das Buch birgt Gefahren, denn aufgrund der geübten Erzählweise des Autors kann man der Versuchung erliegen, es episodisch unterhaltsam zu konsumieren und nur hohe Aufmerksamkeit kann davor bewahren, diesen Fehler zu machen. Viele Botschaften sind durch die Leichtigkeit des Narrativen verschlüsselt.

You´ll never walk alone!

Für zwanzig vor Acht hatten wir uns verabredet. Das Spiel der Saison, Dortmund gegen die Bayern, und wahrscheinlich die Vorentscheidung. Auch wenn wir im Südwesten leben, wer sich für Fußball interessiert, der muss sich das direkt ansehen. Wir wählten eine Sky Kneipe bei uns in der Nähe. Als ich um die Ecke bog und in die untergehende Sonne blinzelte, sah ich schon, wie Fahrräder vor dem Eingang einfach an die Wand geknallt wurden und die Leute hineinströmten. Als wir das Lokal betraten, war es bereits brechend voll. Keine Sitzplätze mehr, Stehplätze Mangelware.

Wir drückten uns an einer Ecke an die Theke. Schon jetzt, vor Spielbeginn, konnte man nur noch durch Rauchschwaden die Monitore ansteuern. Der Laden war nicht nur voll, sondern er war bis auf die Bedienung ausschließlich von Männern besucht, die alle um die Wette rauchten und tranken. Humpenweise wurde das Bier zu den durstigen Kehlen geschleppt, Tabletts voller Schnäpse schaukelten durch die Menge wie Barkassen im atlantischen Wind. Dazu wurde geraucht, was das Zeug hielt, Markenzigaretten, Selbstgedrehte und Zigarren. Es herrschte ein Lärm, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Viel lautes Lachen und eine Vorfreude, wie sie selten zu erleben ist. Niemand beschwerte sich, weder über den Krach, noch über den Rauch oder die ständig über die Köpfe wandernden Pizzaschachteln, die angeliefert wurden, weil immer wieder über Handy der Slogan Man Hungry? – Ding Dong Pizza!!! geordert wurde. Das war wie in der Zeitmaschine, wie früher, als der Fußball noch in der Lage war, den Lebenstakt zu bestimmen und sich kein Arsch darum scherte, was irgendwelche Wichtigtuer an Sprechblasen für die Nachrichten produzierten.

Und die ganze Sozialtypologie war wieder versammelt: Da der Ausfahrer vom Thai Delivery, dort der Maler, den die Abstraktion quält und der Postbote, der seit vierzig Jahren Frank Zappa hört, und natürlich der smarte Geschäftsführer aus der Edelgastronomie, der sich hier Schwarzen Krauser dreht, der Rentner, der sich die Chose mit dem Walkman auf ansieht und dabei Rock´n Roll hört, der Bäcker mit der Mehlstauballergie, der Mathematiker mit der chronischen Ehekrise, der Frührentner mit dem Cowboyhut, der Automatenkönig aus der Innenstadt und der Waschmaschinenhändler, der dem alternativen Buchhändler mal wieder den Vogel zeigt.

Der erste Eindruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wem sich das Publikum zugeneigt fühlte. Alles war für Dortmund, die Anhänger der Südvereine genauso wie selbst Schalker, was wiederum verdeutlichte, dass es nicht um ein Für, sondern ein Gegen ging. Bayern München und Ulli Hoeneß, die Marken, die als Inbegriff von Arroganz und Großmannssucht gelten, hatten an diesem Abend den Gegenentwurf Borussia Dortmund vor der Brust, den Club aus dem Kohlenpott, der sich nur schwer erholt vom wirtschaftlichen Niedergang und dabei ist, sich neu zu erfinden. Das war es, worum es ging und deshalb war das Ende auch so, wie es bejubelt wurde.

Bei den Dortmundern sah man eine neue Art, Fußball zu denken und folglich auch zu spielen, in der der Prozess an sich eine große Rolle spielt und das Ergebnis die logische Folge der Prozessqualität ist, während bei den Bayern, hoch professionell, exerziert von den teuersten Artisten des Marktes, eine Spielweise präsentiert wurde, bei der nur das Ergebnis zählt und nur das als Erfolg gilt, was die eigene Überschätzung weiter nach oben treibt. Der Verein der Titel und Requisiten, der Trophäen und immensen Kollateralschäden schlich wie eine langweilige Komparse über den Platz und kam dann doch, nach dem Geniestreich des Polen auf Dortmunder Seite, fast noch einmal ans Ziel, weil simuliert und inszeniert wurde, um wieder einmal, zumindest gefühlt, kurz vor Schluss ein Elfmeter geschunden werden sollte. Das wiederum ging schwer daneben, gewonnen haben dann die schwarzen Hälse und gelben Zähne, der Kindergarten aus dem proletarischen Humusboden, und Spaß hat es gemacht.

Die Kneipe glich zu Ende des Spiels einem Dampfer auf hoher See, die vereinzelten Signale an die zeitgenössische Vernunft und das Mantra der Achtsamkeit wurden in den Wind geschrieben, längst erkannte man die Besatzung auf der anderen Seite der Planken nicht mehr, zu verschlungen lag man sich in den Armen mit Fremden und zu laut waren die Chöre, die den Sturm besangen wie den Partner des Lebens und die Zeit verlachten wie ein lästiges Insekt im kosmischen Kontext!

Paradoxien der Maschinenlogik

Dass der Positivismus zu einem der charmantesten Erklärungsmuster unserer Zeit geworden ist, steht außer Zweifel. Zu naheliegend ist die Auffassung, dass das, was sich quantitativ durchsetzt, auch die Qualität besitzt, die man der Wahrheit zumisst. Außerdem befreit der Positivismus von der Last, das, was als wahr gilt oder als wahr angenommen wird, auch noch mit dem Maß der Sitte und Moral konfrontieren zu müssen. Der Positivismus, oder genauer genommen seine Verfechter sind die moderne und skrupelloseste Fraktion des Laisser-faire. Erstaunlich, dass sich gerade in diesem Lager viele Kritiker an dem so genannten Neoliberalismus finden, denn neoliberaler als die Positivisten kann man nicht sein.

Sucht der Positivismus die äußeren Erscheinungen unserer Welt zu beschreiben und einzuordnen, so ist für die innere Befindlichkeit und Einzelanalyse ein anderes Schema zur allgemeinen Erklärungsformel avanciert. Medial begann alles mit dem Profiler. Spezialisten, die einzelne Verhaltensmuster von Delinquenten identifizieren und zu Profilen zusammenstellen, sind das kommunikative Entree zu einer neuen Version des Strukturalismus, der mit Patterns oder Mustern arbeitet, die als partikulare Informationen dazu dienen, ein Gesamtbild zu erstellen.

Beide Erklärungsansätze sind nicht ohne Magie. Sorgt der Positivismus für eine schnelle Übersicht in einer Welt der unbegrenzten Quantitäten und sich ständig vergrößernden Pluralität, so bietet der Strukturalismus Schutz gegen die grenzenlose Ausdifferenzierung der Individualität. Der Clou sind die immer wieder identifizierbaren Grundmuster menschlichen Handelns. Und so wie der Positivismus für sich reklamieren kann, dass etwas daran sein muss, wenn sich eine bestimmte Verlaufsform quantitativ durchsetzt, so besticht der Strukturalismus mit der logischen Reduktion des Menschen und seines Verhaltens auf bestimmte Archetypen.

Ist die Achillesferse des Positivismus seine grausame Tendenz zu vereinfachen bei gleichzeitiger Abkoppelung von jeglichem sittlichen Anspruch, so sorgt sein hermeneutisches Pendant, der Strukturalismus oder das Zuordnen von Mustern für eine Schematisierung, die den einmal Identifizierten keine Chance mehr bietet, wieder aus der Zuordnung zu entkommen. Um es deutlich zu sagen: Der Strukturalismus fördert das Denken in Schubladen, in denen Potenziale vermodern.

Es macht keinen Sinn, über die Blüte zweier Erklärungsansätze zu klagen, denn sie finden nicht ohne Grund großen Anklang. In den meisten Fällen besitzen sie eine logische Plausibilität und entsprechen auch dem, was als allgemeine Wahrheit empfunden wird. Das geht so weit, dass Positivismus und Strukturalismus schon fast zu dem geworden sind, was als nicht mehr existent angenommen wird, nämlich als einer Art gesellschaftlicher Konsens. Man ist sich einig über die Methoden zur Welterklärung, während über das Erklärungsergebnis keine Einigkeit mehr erzielt werden kann. Das ist Maschinenlogik, und wir sind mittendrin. Und darin besteht das große Paradoxon unserer Zeit: In der Epoche der gewähnten Individualität ist diese, definiert man sie in Eigenheiten, Ecken und Kanten, gänzlich verschwunden.