Jenseits der Komfortzonen

Niemand, aber auch niemand käme auf die Idee, eine Umwälzung der bestehenden Zustände anzustreben, wenn er mit dem Bestehenden zufrieden wäre. Denn Veränderung bedeutet immer das Herausmüssen aus den so genannten Komfortzonen. Menschen, die sich eingerichtet haben und nicht unbedingt auf Krawall gebürstet sind, werden sich gut überlegen, ob sie die Bequemlichkeit des Vertrauten gewillt sind zu verlassen, um etwas zu ändern, das als gar nicht so schlecht empfunden wird.

Insofern befindet sich unser Zeitalter in einer Falle. Eine Epoche, die sich als global beschreibt und die Innovation zum zentralen Movens der Geschichte definiert, ist geradezu genötigt, ständig das Blatt der Veränderung auszuspielen. Wer kennt sie nicht, die Formulierung von der Beständigkeit des Wandels oder dem tendenziellen Sinken der Halbwertzeiten alles Bestehenden? Wunderbar, könnte man da sagen, gibt es denn gar nichts, was von Dauer ist? Kann man sich denn auf gar nichts mehr verlassen?

Was die sächliche Welt, die von Menschenhand geformt wird betrifft, so muss man die verzweifelte Frage mit ziemlicher Sicherheit verneinen. Nichts, was nicht der ständigen, progredierenden Kraft der Optimierung und Rationalisierung unterzogen würde. Und dennoch sehen wir eine unbändige, alles überragende Kraft, die das Tempo der Veränderung und den rasenden Fortschritt immer wieder erfolgreich ins Stocken bringt. Es ist die bockige, dickleibige und phlegmatische Mentalität des Menschen selbst, der sich nur bereit ist in Bewegung zu setzen, Verhalten zu ändern oder Gewohnheiten abzulegen, wenn der Status quo das Stadium der Annehmlichkeit verlassen hat und sogar zunehmend Schmerzen bereitet.

Die Antwort der Treibenden unserer Zeit, denen das retardierende des dicken Menschenfells ein Dorn im Auge ist, ist die Entwicklung von Instrumenten, die es erschweren sollen, uneinsichtig und faul zu sein. Die Instrumente, mit denen man ihnen auf den Pelz rückt, kontrollieren unablässig den Fortschritt und bewerten permanent das Ergebnis. Nicht, dass nicht auch dort die subversive Kraft des Trägen zu wirken in der Lage wäre. Aber das Komfortable des Stillstandes ist mit dem Anwachsen der Monitoringsysteme dahin.

Nun lässt sich trefflich streiten, für welche der Varianten man Partei ergreifen sollte. Wer, bitte schön, wäre denn so vermessen, dass er sich in unserer beschleunigten Welt gegen den Wandel per se stellen wollte? Und wer wäre, auf der anderen Seite, so verbohrt, das Kontrollieren um des Kontrollierens willen als exklusives Ziel des Handelns auszugeben?

Wenn es als Fakt gelten kann, dass es als unangenehm empfunden wird, die Komfortzonen verlassen zu müssen, dann sollte auch bewusst sein, dass es ohne Veränderung bald gar keinen Komfort mehr geben wird. Und schon sind wir bei einer sehr trivial klingenden, aber dennoch nicht minder schätzbaren Erkenntnis gelandet: Dass nämlich der Grad der Veränderung der positiven Prognose menschlicher Befindlichkeit entsprechen sollte und dass die Gängelung des Veränderungswilligen durch Instrumente des Misstrauens nicht auf die Spitze getrieben werden sollte. Wer im Rausch der Veränderung das Augenmaß verliert, sollte sich der Gefahr bewusst sein, irgendwann in den Annalen als der eigentliche Verhinderer aufgeführt zu sein.