Wenn eine europäische Großmacht sich in den letzten Jahrzehnten als imprägniert gegen den globalen Wandel gezeigt hat, dann war das Frankreich. Während Großbritannien den Wandel von einer Industrienation zu einer extremen Version eines Finanzdienstleistunggszentrums mutierte und Deutschland mit der Wiedervereinigung für das Experiment steht, staatlichen Zentralismus in die Verkehrsformen der Demokratie zu gießen, dann war das Paradigma der Großen Nation das der Großen Nation. Punkt. Egal, wie die Präsidenten hießen, man setzte auf Vormachtstellung und klassische Domänen. Die Schlüsselindustrien überlebten durch staatliche Subvention und protektionistische Maßnahmen, die Kernenergie ist das Zentrum der Energieversorgung wie der staatliche Zentralismus nach wie vor die hierarchisch organisierte Verteilung der Macht ist. Letztendlich blieb man bei den stereotypen Vorstellungen über Integration. Sie erfolgt nach wie vor nur über die Denkschemata der alten Kolonialmacht.
Auch der letzte Präsident, der sich als den Paradigmenwechsel schlechthin verkaufen ließ, weil er mit seinem ungarischen Migrationshintergrund und seiner daraus entstandenen unbändigen Liebe zu Frankreichs Größe argumentierte, verschwand im Tagesgeschäft wie eine kleine, aber eher lausige Kopie des Korsen, der Frankreich einst zu imperialer Macht verholfen hatte, dessen Beitrag mit dem Code Civil zur Stabilisierung der europäischen Demokratie mal eben unter den medialen Teppich gekehrt wurde.
Imperial waren sie, die außenpolitischen Ansätze Sarkozys, allemal. Angefangen mit dem Plan der Entente Mediterranée, der mit der wachsenden Destabilisierung der arabischen Tyranneien ein schnelles Ende fand. Und auch in diesem Spiel lavierte der gegenwärtige Präsident ein bisschen wirr durch die Ereignisse, im Falle Tunesiens war die französische Luftwaffe schon auf Flughöhe, um Ben Ali zu retten, in Libyen wurde sie dann letztendlich gegen den Herrscher losgeschickt, als dessen Sohn im lokalen Fernsehen die Spendengelder Gaddafis für Sarkozys Wahlkämpfe thematisierte. Reformen im Lande waren Fehlanzeige. Die eher faden Standardisierungsversuche der Brüsseler Sozialpolitik blieben das Einzige, was aus dem Präsidentenpalast auf das Volk losgelassen wurde.
Gegen diese Tristesse nun mobilisiert der zweite Mann hinter Strauss-Kahn, dessen New Yorker Debakel die Aspiration auf das Präsidentenamt beendete. Monsieur Hollande seinerseits setzt auf klassische Sozialistenpolitik aus dem letzten Jahrtausend, Reichensteuer rauf, Rentenalter runter, und damit ist seine Erneuerungsphilosophie am Ende. Marie Le Pen und Jean Luc Mélenchon sind diejenigen, die mit ihrem Rechtsradikalismus die arbeitslose Jugend ansprechen und zahlenmäßig für Überraschungen sorgen werden. Insgesamt sieht es wohl so aus, dass Sarkozy mit seinem Großmannsgehabe der Bevölkerung dermaßen auf die Nerven gegangen ist, dass der blasse und reformunfähige Hollande sogar das Rennen machen könnte.
Für ein Land, dem das Verdienst immer noch im Haben steht, der modernen europäischen Zivilisation das politische System beschert zu haben, das über lange Zeit dazu in der Lage war, die brennenden Fragen der Epoche zu beantworten, sind das düstere Aussichten. Nicht, dass von den anderen Kraftzentren Europas die großen Innovationsschübe für die neue Welt, die sich in und um uns ausbreitet, ausgingen. Aber zumindest bestimmte Lösungsansätze kommen dort zur Formulierung. Frankreich selbst hat sich in eine kulturelle und politische Isolation begeben, die ihr nun mehr und mehr teuer zu stehen kommt.
