In der Welt der Technik gilt als Binsenwahrheit, dass sich die Entwicklung von der einfachen Idee über eine komplexe erste Realisierung hin zu einem einfachen Allerweltsutensil beschreiben lässt. Was die Philosophie und die aus ihr abgeleiteten verschiedenen Geistes- und Sozialwissenschaften eher belächelt haben, scheint sich durchaus auch auf ihrem Terrain abzuspielen. Längst ist man dort auch abgekommen von schlichten polaren Begriffspaaren, die nichts anderes beschrieben als Stabilität und Instabilität, Revolution und Restauration, Materialismus und Sensualismus. Immer sah man Geschichte als die Spannung zwischen sich widersprechenden Begriffspaaren, selten als ein Prozess, der existenziell ist und beides bedingt.
Mit der Erkenntnis, dass sich existenzielle Fortbewegung, individuell oder gesellschaftlich, von einem schlichten Wunsch über eine dichte Erlebniswelt bis hin zu einer profanen Routine entwickelt, haben die polaren, oder, wie es ein bestimmtes Milieu formuliert, antagonistisch geprägten Begriffe nicht mehr die Erklärungsmacht einstiger Zeit. Selbst die großen Figuren der Geschichte müssen von ihrem Wirken her neu interpretiert werden, wenn wir den Prozess von einem stabilen Zustand, der erzeugten Phase revolutionärer Veränderung hin zu einer anderen Stabilität definieren. Ideal ist und bleibt es, wenn die Subjekte das Ganze als Einheit begreifen und folglich in einer Dimension handeln, die den Polarisierern als zunehmend verdächtig gilt.
Die meisten Stabilisatoren der Geschichte haben das Bild des Reaktionären geprägt, und die meisten Revolutionäre das des Zerstörers. Die interessanten Figuren sind jedoch diejenigen, die Stabilität und Veränderung als eine Einheit gedacht haben. In der Neuzeit stechen deshalb für die erste Kategorie Figuren wie Otto von Bismarck hervor, für die zweite zweifelsohne Nelson Mandela. Sie überstrahlen alles, weil sie den Prozess von Erhaltung und Veränderung zu Ende, oder besser gesagt, zu einem neuen Anfang dachten.
Die Dimension der Einheit widersprüchlicher Phasen erfordert aufgrund der bipolaren Abnutzungsgeschichte vieler Begriffe eine neue Terminologie, die sowohl die Erkenntnis der sich widersprechenden Einheit ermöglicht als auch eine neue Definition von Zuständen erfordert, die in ihrem Wert auch von der anderen Seite geschätzt werden können. Mit dem Begriff der Resilienz ist das geschehen, weil er Stabilität mit der Umschreibung der Widerstandskraft gegen Unruhe und Störungen anreichert. Und die Ambiguität erklärt, dass die Unwägbarkeit zwar das Chaos, aber auch die Möglichkeit der Ruhe und des Aushaltens mit sich bringt.
Kräfte, die sich der bewussten Gestaltung gesellschaftlicher, sozialer und organisationsbezogener Prozesse verschreiben, sollten daher sowohl Resilienz herstellen als auch Ambiguität vertragen können. Einem Zustand relativer Ruhe folgt in der Regel eine Phase schneller Veränderung. Und umgekehrt. Und beides kommt zu häufig vor, als dass man sich nur für das Eine entscheiden dürfte.
