Folgte man der Diskussion um das Gedicht des Nobelpreisträgers Günter Grass, dann wäre die Welt ein schlichtes Gebilde. Bekanntlich ist dieses aber nicht der Fall. Hinzu kommt, dass das, was sich Naher und Mittlerer Osten nennt, schon immer nicht nur für die westliche Perspektive als ein schier undurchdringliches Gewirr dargestellt hat. Trotzdem sollten zumindest diejenigen, die sich über einen längeren Zeitraum mit der dortigen geopolitischen Lage beschäftigt haben, etwas mehr als ein anti-israelisches Plakat oder eine iranische Horrormaske in der Tasche haben.
Die Dominanz des arabischen Raumes ist über die Ressource Öl seit dem II. Weltkrieg und der Entkolonialisierung des afrikanischen Kontinents durch ein Bündnis des Westens mit Saudi-Arabien festgelegt worden. Saudi-Arabien, das Königreich mit der schwärzesten Seele, das sich nach Innen als Rudiment der Sklavenhaltergesellschaft etabliert hat und weltweit terroristische Bewegungen unterstützt, ist seinerseits bestens mit der westlichen Welt verwoben und finanziell in Form von Aktienpaketen selbst zum Bestandteil des Westens geworden.
Gegen das sunnitische Saudi-Arabien hat sich seit dem Jahr 1978, als der Schah von Persien in die Wüste geschickt wurde, zunehmend der schiitische Iran positioniert und ersterem mehr und mehr die Hegemonie in der arabischen Welt streitig gemacht. Der Krieg gegen den Irak in den neunziger Jahren hat einen Vorgeschmack auf die Brisanz dieser Auseinandersetzung gegeben. Seit dieser Zeit verfolgt Saudi-Arabien gezielt die Strategie, den Widerspruch zwischen dem Staat Israel und dem Iran – den es nicht minder mit Saudi-Arabien gibt – in den Fokus der Weltöffentlichkeit zu stellen, um eine Auseinandersetzung beider Seiten zu initiieren.
Weder Israel noch der Iran haben ein Interesse an einem derartigen Konflikt. Israel hat genug damit zu tun, die ständigen Versuche zum Beispiel Syriens über den Libanon abzuwehren, während der Iran über den Zugriff auf exterritoriales Öl den saudischen Hahn zudrehen will. Die Saudis ihrerseits drängen die USA zu einem Schlag gegen den Iran, die USA sind allerdings nach dem desaströsen Bush-Engagement vor allem im Irak alles andere als von einer derartigen Option begeistert. Auch Israel sähe lieber die USA in Aktion als sich selbst und sieht sich momentan in der undankbaren Rolle, zumindest die Bereitschaft zu einem Schlag gegen wen auch immer suggerieren zu müssen, um die USA doch noch zu bewegen, selbst in Aktion zu treten.
An dem wesentlichen Interessenkonflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ändert das alles nichts. Es macht aber deutlich, dass der Westen längst instrumentalisiert worden ist, und zwar durch die schwärzeste aller Koalitionsoptionen. Israel nun als Aggressor Nummer Eins darzustellen, dokumentiert mehr als ein schlichtes Gemüt. Den Iran zum Hauptstörenfried zu stempeln, zeugt auch nicht von mehr Einblick. Saudi-Arabien als das zu identifizieren, was es ist, ist allerdings mittlerweile im Westen nicht nur ein Indiz für geopolitische Intelligenz, sondern auch für Courage.
