Paradoxien der Maschinenlogik

Dass der Positivismus zu einem der charmantesten Erklärungsmuster unserer Zeit geworden ist, steht außer Zweifel. Zu naheliegend ist die Auffassung, dass das, was sich quantitativ durchsetzt, auch die Qualität besitzt, die man der Wahrheit zumisst. Außerdem befreit der Positivismus von der Last, das, was als wahr gilt oder als wahr angenommen wird, auch noch mit dem Maß der Sitte und Moral konfrontieren zu müssen. Der Positivismus, oder genauer genommen seine Verfechter sind die moderne und skrupelloseste Fraktion des Laisser-faire. Erstaunlich, dass sich gerade in diesem Lager viele Kritiker an dem so genannten Neoliberalismus finden, denn neoliberaler als die Positivisten kann man nicht sein.

Sucht der Positivismus die äußeren Erscheinungen unserer Welt zu beschreiben und einzuordnen, so ist für die innere Befindlichkeit und Einzelanalyse ein anderes Schema zur allgemeinen Erklärungsformel avanciert. Medial begann alles mit dem Profiler. Spezialisten, die einzelne Verhaltensmuster von Delinquenten identifizieren und zu Profilen zusammenstellen, sind das kommunikative Entree zu einer neuen Version des Strukturalismus, der mit Patterns oder Mustern arbeitet, die als partikulare Informationen dazu dienen, ein Gesamtbild zu erstellen.

Beide Erklärungsansätze sind nicht ohne Magie. Sorgt der Positivismus für eine schnelle Übersicht in einer Welt der unbegrenzten Quantitäten und sich ständig vergrößernden Pluralität, so bietet der Strukturalismus Schutz gegen die grenzenlose Ausdifferenzierung der Individualität. Der Clou sind die immer wieder identifizierbaren Grundmuster menschlichen Handelns. Und so wie der Positivismus für sich reklamieren kann, dass etwas daran sein muss, wenn sich eine bestimmte Verlaufsform quantitativ durchsetzt, so besticht der Strukturalismus mit der logischen Reduktion des Menschen und seines Verhaltens auf bestimmte Archetypen.

Ist die Achillesferse des Positivismus seine grausame Tendenz zu vereinfachen bei gleichzeitiger Abkoppelung von jeglichem sittlichen Anspruch, so sorgt sein hermeneutisches Pendant, der Strukturalismus oder das Zuordnen von Mustern für eine Schematisierung, die den einmal Identifizierten keine Chance mehr bietet, wieder aus der Zuordnung zu entkommen. Um es deutlich zu sagen: Der Strukturalismus fördert das Denken in Schubladen, in denen Potenziale vermodern.

Es macht keinen Sinn, über die Blüte zweier Erklärungsansätze zu klagen, denn sie finden nicht ohne Grund großen Anklang. In den meisten Fällen besitzen sie eine logische Plausibilität und entsprechen auch dem, was als allgemeine Wahrheit empfunden wird. Das geht so weit, dass Positivismus und Strukturalismus schon fast zu dem geworden sind, was als nicht mehr existent angenommen wird, nämlich als einer Art gesellschaftlicher Konsens. Man ist sich einig über die Methoden zur Welterklärung, während über das Erklärungsergebnis keine Einigkeit mehr erzielt werden kann. Das ist Maschinenlogik, und wir sind mittendrin. Und darin besteht das große Paradoxon unserer Zeit: In der Epoche der gewähnten Individualität ist diese, definiert man sie in Eigenheiten, Ecken und Kanten, gänzlich verschwunden.