Ein Gedicht und die Folgen

Günter Grass, 84, Literat, Nobelpreisträger, Inhaber eines deutschen Passes, hat ein Gedicht geschrieben. In diesem Gedicht äußert er seine Angst vor einem israelischen atomaren Erstschlag gegen den Iran. Das hat er so geschrieben. Und damit hat er in seinem Heimatland wieder eine Diskussion vom Zaun gebrochen, die den Namen nicht verdient. Was da von allen Seiten formuliert wird, sind O-Töne aus der Vor-Aufklärung, oder anders herum, es ist tiefstes, von der Inquisition dominiertes Mittelalter. Im Sekundentakt war der Autor sowohl Hassprediger als auch Antisemit und alle, die wiederum ihn kritisierten, wurden zum zionistischen Gesindel.

Die Art und Weise, wie in diesem Land Diskussionen geführt werden, dokumentieren die große Distanz zu einer gelebten Demokratie. Wie im Falle Sarrazin, wie jüngst im Falle der Autoren des Buches Kulturinfarkt, so ist nun Günter Grass eine Zielscheibe des Netmobs geworden. Und in Windeseile werden seine Kritiker zur Beute des anderen Mobs. Scheußlich ist es, das Diskriminatorische überwiegt, einig ist man sich nur, dass bestimmte Tabus nicht angesprochen werden dürfen.

Wenn der Schriftsteller Günter Grass glaubt, der Staat Israel neige zur Zeit zu einem atomaren Erstschlag gegen den Iran, so ist das sein gutes Recht. Dass man auch begründet glauben kann, die eigentliche Gefahr gehe vom Iran aus, dass man der Meinung sein kann, die israelische Regierung stehe uns im Zentrum Europas kulturell und systemisch näher als der Despot Achmadinedschad, ist ohne jeden Zweifel eine gute Option. Aber um Optionen geht es schon lange nicht mehr.

Wenn eine Verpflichtung aus dem deutschen Faschismus und dessen unsäglichen Taten entstanden ist, dann ist es die zu Toleranz und Freiheit. Das Dogmatische und Diskriminatorische, geboren aus einem Moralismus, der jede Relativität außer Kraft setzte, waren die ideologischen Versatzstücke des Pogroms und der Verfolgung. Diese galt und gilt es zu bekämpfen und keinen Wettbewerb des besseren moralischen Prinzips anzuzetteln. Warum erträgt man es nicht in Deutschland, ganz ruhig sagen zu können, dass Grass das Recht hat, so etwas zu schreiben, ohne dass man seine Meinung teilt. Und dass vielleicht ihm das Verdienst zukommt, über etwas nachzudenken, was vorher in einer Tabuzone verborgen war?

Kaum war das Gedicht in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, fanden die ersten Pogrome im so gepriesenen Netz statt, die Generation Facebook vorneweg, die kräftig dabei ist, ihren elektronisch-geistigen Müll über die Träger der einen oder anderen Position auszuleeren. Wir befinden uns nicht im Diskurs über Meinungen, Positionen und Ideen, sondern in einer Atmosphäre der Vernichtung von Trägern bestimmter Auffassungen. Das ist nicht nur nicht demokratisch, sondern in der Form, wie es geschieht, in hohem Maße unzivilisiert.

Vielleicht ist es auch zu milde und verständnisvoll immer wieder von dem deutschen Trauma zu sprechen. Der Faschismus liegt viel zu lange zurück, als dass man damit den Verlust oder das Nicht-Vorhandensein von Respekt und Toleranz erklären könnte. Letzteres verdienen alle, der Autor des Gedichts wie seine Kritiker. Ist das eine so schrecklich ungewöhnliche Erkenntnis? Und ist uns das Hemd der hysterischen Hetze näher als der demokratische Rock?

2 Gedanken zu „Ein Gedicht und die Folgen

  1. Avatar von BludgeonBludgeon

    Kleingeist rules. In Deutschland besteht eine Lust, den Ruf derer zu beschädigen, denen man das Wasser nicht reichen kann. Was Grass auf seine letzten paar Tage geschah, hat in Ostdeutschland sein Pendant im Schicksal von Erwin Strittmatter. Parallele Leben.

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