Archiv für den Monat März 2012

Autonomie als Geheimnis der Emanzipation

Uwe Wesel, Der Mythos vom Matriarchat

Rousseau selbst sprach vom argen Weg der Erkenntnis. Und da lag er nicht falsch. Ein gutes Beispiel sind die historischen Studien im Zusammenhang mit der Emanzipation der Frau. Von Bachofen über Friedrich Engels bis zu Ernest Bornemann waren es Männer, die mit ihren Arbeiten über die Geschlechterrollen und die Familie zur Begründung der Emanzipationsbewegung herhalten mussten. Als die Frauenbewegung in den westlichen Ländern in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts richtig Fahrt aufnahm, war es besonders ein Theorem, mit dem diese Frauenbewegung argumentierte: Dem Zustand des Matriarchats.

Es klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass es ausgerechnet ein Mann, dazu noch ein ordentlicher Professor der Rechtswissenschaften war, der aus seiner Hobbyleidenschaft, nämlich der Mythendeutung, Erkenntnisse ableiten konnte, die befreiender nicht sein konnten. Uwe Wesel ging in seinem erstmals 1980 erschienenen Buch Der Mythos vom Matriarchat auf das Repressive dieses Mythos ein.

In einer vergleichsweise kurzen Abhandlung von 150 Seiten behandelte er zwei Perspektiven, die historische und die ethnologische. Bei seinen historischen Betrachtungen, bei denen man zudem eine hervorragende Einführung in die verschiedenen Stadien der geschlechtlichen Rollenverteilungen und Begriffe wie Matrilinearität und Matrifokalität erklärt bekommt, geht er auf die Schlüsselsituation ausgiebiger ein. Aeschylos, einer der großen Philosophen des antiken Griechenlands schuf einen Mythos vom Matriarchat, als die Herrschaft der Männer am unerträglichsten war. Die Schauergeschichten über die angebliche Frauenherrschaft sollten das despotische Regime der Männer legitimieren. Dass Großteile der Frauenbewegung gerade diesen Mythos bemühten, um sich selbst positiv zu inszenieren, gehört sicherlich zur Dialektik der Befreiung schlechthin.

Neben der Klärung dieser fatalen Fehlinterpretation des Matriarchats sind es jedoch die ethnologischen Studien, die bis heute von großem Interesse sein können. Wesel bekräftigte in seinem Buch, dass er tatsächlich auf keine Ethnie gestoßen war, in der man von einer tatsächlichen Form der Frauenherrschaft sprechen konnte. Vielmehr existieren auf unserem Globus unterschiedliche Formen der gesellschaftlich wahrgenommenen Geschlechterrollen, die vom Patriarchat reichten – das gab es und gibt es, in seiner uneingeschränkt negativen Bedeutung – bis hin zu unterschiedlichen Erbfolgen oder Besitzregelungen exklusiv über die Frauen. Von Fallbeispiel zu Fallbeispiel kommt man beim Lesen völlig ab von der irrsinnigen Dichotomie der klassischen Emanzipationsdebatte und folgt dem erkenntnisreichen Pfad interessanter Kulturen, die immer mehr den Schluss nahe legen, dass keine Herrschaft eines Geschlechtes, sondern die Autonomie beider Geschlechter gemäß ihrer Kernkompetenzen wohl der Weg sein müsste, dem man folgen sollte.

Uwe Wesel schloss sein Buch mit einer Erzählung über die Irokesen. Bei denen war es nämlich so, dass die Frauen die Sesshaften waren, die die Kinder erzogen, das Land besaßen und den Mais anbauten, während die Männer die meiste Zeit auf Jagd waren. Man sah sich nicht so oft, aber die Autonomie beider war gesichert und von der Herrschaft eines Geschlechts konnte keine Rede sein.

Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Autonomie statt Herrschaft! Wie befreiend, und wie wenig beachtet!

Formale Macht und Wertekodex

Was steht ihm zu? Der Ehrensold? Oder auch ein Büro nebst Sekretärin sowie Fahrer und Wagen? Und, soll er mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet werden? Das sind Fragen, die gegenwärtig die Medien beschäftigen, während der Fall auf der Straße schon längst abgehakt ist. Da gilt der frühere Bundespräsident bereits als ein hoffnungsloser Fall ohne innere Mitte, ohne Maß und Anstand.

Dabei können zwei Sachverhalte als sicher gelten: Es gibt keinen Präzedenzfall für die von ihm vorgelebten Prinzipienlosigkeiten und somit für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Amt und die damit verbundene Regelung einer Abfindung. Bis dato sind alle Amtsinhaber zumindest formal innerhalb der vertraglichen Voraussetzungen und der eingeübten Spielregeln geblieben. Somit sind die derzeitigen rechtlichen Regelungen gültig, d.h. Kollegen Wullf stehen die Benefits zu. Allerdings sehen die Regelungen ein derartiges Fehlverhalten auch nicht vor. Die andere Frage konzentriert sich auf die innere Befindlichkeit des Delinquenten. Wenn eine Amtsperson weder einen inneren Kompass für das besitzt, was sich innerhalb einer Funktion ziemt und was nicht und wenn diese Person gar kein Empfinden für das hat, was von ihr erwartet wird, fällt es umso schwerer, nach dem Maß der Sanktion zu fragen. Denn was stört es die nicht vorhandene Resonanz, welche Schwingung auf sie zukommt?

Besonders die letzte Frage ist alarmierend. Die Person des letzten Bundespräsidenten kann quasi als prominenter Prototyp für einen Politiker gelten, der zwar die Gesetze dieses Landes kennt, aber jeglichen Instinkt für deren Geist verloren hat. Vor allem Wullf hat sich, als das Schiff längst in Schieflage geraten war, auf das Missverständnis berufen, dass er einer Täuschung unterlag, wenn etwas rechtlich einwandfrei, moralisch jedoch dennoch bedenklich war. Eine derartige Äußerung ist in hohem Maße bemerkenswert, weil sie dokumentiert, dass sich die formale Macht von dem Wertekodex der Gesellschaft abzukoppeln beginnt.

Natürlich und glücklicherweise ist der Mann aus Niedersachsen nicht repräsentativ für alle diejenigen, die über die Politik reüssierten und dadurch zu Macht und Ansehen gelangt sind. Da gibt es viele, denen die jüngsten Ereignisse wie Salzsäure in der Fleischwunde brennen müssen. Da es sich aber ausgerechnet um die prominenteste Stellung im Staate handelte, müssen dennoch alle Alarmzeichen auf Rot stehen. Denn nichts ist gefährlicher als kalte Fische in dem Becken, in dem die Sozialtemperatur einer Gesellschaft gemessen wird.

Daher sollte die berechtigte Abneigung gegen einen Agenten des eigenen, kleinen, beschränkten Vorteils nicht dazu führen, dass sich die Gesellschaft nun angeekelt abwendet, weil ihr selbst noch Rudimente von Scham und Hemmung geblieben sind. Nein, dieser Mann, der in der Öffentlichkeit immer den Saubermann gespielt hat und mit der Unschuldsmiene eines Messdieners mit verstecktem prallen Klingelbeutel zu Tugendhaftigkeit aufgerufen hat, hat sich durch sein tatsächliches Verhalten zu einer Figur erhoben, der mit aller Macht der Unwille entgegengestellt werden muss. So geht das nicht, so darf es nicht sein und das darf eine Gesellschaft nicht hinnehmen. Wer jetzt über Sanktionen nachdenkt, die nur die Untersagung des Großen Zapfenstreichs beinhalten, macht sich lächerlich und hat nicht das Format einer Opposition.

Französich, feminin, virtuos und innovativ

Céline Bonacina Trio. Way of Life

Da kommt einiges zusammen, bei der jungen und zunehmend erfolgreichen Baritonsaxophonistin Celine Bonacina. Sie wuchs in einer Familie auf, in der beide Elternteile eine Affinität zum Big Band Jazz hatten. Folglich spielte auch sie bereits als junges Mädchen in einer solchen Formation. Dennoch ist es ungewöhnlich, dass eine Frau sich für das Baritonsaxophon entscheidet, was Celine Bonacina früh tat. Eigentlich ist es vom Gewicht zu schwer und von der Länge zu groß. Aber sie hatte Mut sowie Selbstvertrauen genug. Und dann, als sie sich begann in ihrem Heimatland Frankreich zu etablieren, zog es sie auf die Insel Reunion im Indischen Ozean, wo sie sich sieben Jahre als Saxophonlehrerin über Wasser hielt. Und als sie dann nach Paris zurückkehrte, brachte sie vieles mit, was den europäischen Jazz bereichern kann.

Bereits im Jahre 2008 traf Celine Bonacina auf den französisch-vietnamesischen Ausnahmegitarristen Nguyen Le, mit dem sie immer mal wieder zusammenspielte und den sie auch bat, auf einigen Stücken der neuen CD ihres Trios mitzuwirken. Heraus kam Way of Live, das viele Aspekte aufweist, die von Interesse sind.

Die insgesamt dreizehn Stücke sind eine Reise durch verschiedene Genres, vom Blues bis zum orchestralen Jazz, von der Folklore zur Mehrdimensionalität der Weltmusik. Bei den Biographien der Akteure kein Wunder. Celine Bonacina, das sei unbedingt erwähnt, ist eine meisterhafte Herrscherin über das sperrige Bariton, sie entlockt ihm Töne, die – natürlich – an Gerry Mulligan erinnern. Ihre Technik ist brillant, ihre Intonation wird getragen aus einer Mischung von Melancholie und Feuer und ihre Tempi erreichen Dimensionen, die Herzrasen verursachen.

Das Album beginnt mit dem Zig Zag Blues und dabei ist der Name Programm. Da wird in einer Souveränität das klassische Schema geschändet, das es eine Freude macht. Bei Ra Bentr´ol führt sie einen Dialog mit Nguyen Le, der an die kosmischen Visionen eines Hendrix erinnert, Wake Up ist eine Referenz an das Perkussive des Baritons, das aber auf einem artifiziellen Niveau, das bis heute noch nicht gehört wurde. Free Woman wiederum ist romanisch-narrativ, mit einer Prise von Schwermut, die nur das Bariton vermitteln kann. In Deep Red wird sie zur Low Tone Queen, mit einer rhythmischen Emphase, die einfach nur Spaß macht und man verwundert ist, zu was das tiefe A alles fähig ist. Und in Jungle zeigt sie allen, die schon versucht haben, sie in eine Ecke zu drängen, was eine Harke ist. Auf wechselnden Rhythmen intoniert sie, kongenial mit Nguyen Le Hard Bop Strukturen, angefangen vom Funk bis zum Rock. Und bevor man sich beruhigt hat und versucht, die Botschaften der vielen Aspekt zu dechiffrieren, beschließt Celine Bonacina das Album mit Toty Come Bach, auf dem sie in Orkangeschwindigkeit der Hörerschaft ein Bach´sches Riff um die Ohren haut.

Way of Live ist ein grandioses Werk, das durch Virtuosität und Ideenreichtum besticht, ohne die emotionalen Sphäre zu übertönen.