Neue Formen der Bürokratie

Klagen Organisationen über zuviel Eigendynamik, zu ausufernde Verfahren, mangelndes Tempo und zuviel Bürokratie, dann suchen sie nach einer Intervention, die es ermöglicht, den unerwünschten Entwicklungen an den Kragen zu gehen. In der soziologischen Systemtheorie sind die obigen Entwicklungen präzise und hinreichend beschrieben. Werden Organisationen zu groß, dann tendieren sie zu alledem. Durch Irritation und Verstörung lässt sich dagegen einiges machen. Und manche Führer großer Organisationen haben derartiges im Blut. Sie wissen, wann die Organisation Impulse braucht, um sie aus der Komfortzone zu katapultieren.

Oft aber wird die Beraterbranche bemüht, um das Geschäft der Verstörung zu erledigen. Das ist dann sinnvoll, wenn das Konglomerat von Interessen und Verwicklungen so komplex geworden ist, dass niemand ohne das Stigma der Befangenheit den Prozess mehr moderieren könnte. Oder die Auftraggeber behalten sich die Option vor, die Ergebnisse der Berater wieder zu schreddern, wenn die Verwerfungen zu groß zu werden drohen.

Der Beraterbranche selbst haftet der Ruf an, instrumentell gut aufgestellt und von dem Gedanken der Rationalisierung beflügelt zu sein. Ersteres ist stark kontaminiert durch den Begriff des Analysten, der bei seiner Etablierung vor ca. eineinhalb Jahrzehnten bei Sprachsensiblen noch physischen Schmerz ausgelöst hat, weil er den Blickwinkel des Analytikers um etliche Grade verflachte. Der Gedanke der Rationalisierung hingegen hat sich in der Branche selbst schon lange verflüchtigt, und die dunkelblauen Anzüge und Kostüme täuschen kaum noch darüber hinweg, dass sich das Metier mehr und mehr auf die Verlagerung, nicht aber auf die Eliminierung der Ressourcenverschwendung konzentriert hat.

Unter dem Vorwand der Rationalisierung werden alte Prozeduren gescreent und optimiert. Die neuen Prozesse werden in einer Intensität und Ausführlichkeit dokumentiert, die oftmals die Vermutung aufdrängt, als ginge es darum, einen Neuanfang nach Einsatz der Neutronenbombe zu garantieren. Die Dokumentationen selbst sind der Nukleus einer neuen, alle bisherigen Dimensionen sprengenden Bürokratie, die im Kleid der Rationalisierung zunächst viele zu täuschen in der Lage ist, bei ihrer Enthüllung und einer entsprechend starken Kritik in der Regel zu einer inszenierten, schmachvollen Demission der jeweiligen Berater führt.

Intrinsisch ist die Etablierung neuer, wesentlich gravierenderer bürokratischer Systeme durch die Protagonisten der Beraterbranche begründet in dem Misstrauen zu Menschen und deren Kompetenz. Das Instrument und der Prozess stehen in ihrem Weltbild immer über den Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen. Letztere gelten als unberechenbar und Risikofaktoren. Kontrollsysteme und bis ins kleinste Detail beschriebene Routinen sollen es ermöglichen, dass ohne Wissen und Können das gemacht werden kann, was der Prozess erfordert. Das zugrunde liegende Menschenbild ist nicht nur von Misstrauen geprägt, es geht auch von der gnadenlosen Entmündigung der handelnden Subjekte aus. Wenn es eine Referenz für diese These gibt, dann ist es die Personalpolitik in der Beraterbranche selbst. Dagegen wirkt das alte Paradigma des Manchesterkapitalismus wie ein nostalgischer Traum. Modern ist das nicht, auch wenn das Marketing dieser Vorgehensweise es unter diesem Attribut verkauft.

Ein Gedanke zu „Neue Formen der Bürokratie

  1. Avatar von WOLFGANG DEHMWOLFGANG DEHM

    Ich lese gerade das Buch von Bartmann „leben im Büro“. Der Autor ist langjhriger Mitarbeiter des Goetheinstituts und wirft einen kritischen Blick auf New Public Management und das, was diese Veränderungen in der Verwaltung seiner Meinung nach anrichten.
    Ich vermute, man kann Verschiedenes auf auf die Mannheimer Verwaltung übertragen – z.B. die Verwirrung, die entsteht, wenn man einen auf Aufgabenbearbeitung und -erledigung getrimmten Bürokraten auf unternehmerisches Handeln umzupolen versucht.

    Das könnte ein interessante Lektüre für die Verwaltung sein, an die man diskursiv anschließen und nach Resonanzen schauen könnte ….

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