Wer glaubte, dass es sich im Falle des ehemaligen Verteidigungsministers und seiner vermeintlichen Dissertation um eine Einzeltat gehandelt hatte, lag falsch. Dieses belegten zahlreiche Verfahren, die eingeleitet werden mussten, um analoge Vergehen zur Erlangung akademischer Grade und Würden zu enthüllen. Plötzlich traf man auf eine ganze Kohorte von Vertretern der politischen Klasse, die mit dem methodologischen Impetus des Copy and Paste akademische Arbeiten gefertigt hatte.
Selbst die quantitative Ausbreitung der Delinquenten verbarg aber immer noch die eigentliche Dimension dessen, was eigentlich zu einer Normalität geworden ist und längst nicht mehr auf die vermeintlich bösen Vertreter aus der Politik reduziert werden darf. Das Zeitalter des Internets und der problemlose Zugang zu Quellen hat es extrem erleichtert, Schriftstücke zu fertigen und diese als das eigene geistige Produkt auszugeben.
Ausgehend von jenem berühmten Aufsatz Walter Benjamins, in dem er beschrieb, welchen Wirkungsverlust das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit unterliege, müsste man heute den Faden weiter spinnen. Heute stellt sich die Frage, inwieweit der originäre Gehalt von Ideen noch eine Valenz besitzt im Zeitalter ihrer kohortenhaften Importierbarkeit aus dem Datenfriedhof der Weltgeschichte.
Und wir stellten fest, dass genau die Generation, die so virtuos das Netz beherrscht, sich dieser Möglichkeit quasi standardisiert bedient. Ihnen gelingt es, Quantitäten zu produzieren, die es so vorher noch nicht gab. Und sie vollbringen es, in chartgestützten Präsentationen, die state of the art Produkte eines jeden Genres an die Wand zu werfen. Ob das jenseits der instrumentellen Unterstützung auch noch gelänge, bleibt anzuzweifeln. Und wie viel originäres, eigenes Gedankengut sich in dem Präsentationsprodukt noch befindet, bleibt waghalsiger Spekulation überlassen.
Der Gedanke geht der Tat voraus, schrieb einst Heinrich Heine in seiner an Esprit und Sprachgewalt überragenden Schrift mit dem knorrigen Titel Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Nach allem, was dieser Schrift folgte, sollte er Recht behalten. Die Qualität der artikulierten Gedanken war immer ein zuverlässiger Gradmesser für das danach Geschehende. Bleibt man bei dieser These, so könnte angesichts der angehäuften Plagiate in Terra-Dimension die Prognose über die Dürftigkeit einer naheliegenden Zukunft nicht valider sein als je zuvor. Wer seine Originalität mit dem Diebstahl geistigen Eigentums anderer unterlegt, dem sollte man nicht die große Gestaltungskraft konzedieren.
Copy and Paste ist nicht ein singuläres Vergehen, sondern das Signet eines Zeitgeistes, der per se unkritisch geworden ist. Daher hilft es auch nicht, einzelne Akteure zu verdammen, denn sie machen nur das, was alle machen, wenn sie glauben, sie befänden sich auf einem guten Weg. Das tun sie natürlich nicht, denn das Kopieren ist die Anfangsübung des Ungelenken, bevor er zur höheren Stufe der Inspiration und des eigenen Ausdrucks reift. Auch im Denken! Und gerade da!
