Geographie und Erkenntnis

Es mehren sich die Klagen, dass das geographisch räumliche Vorstellungsvermögen seine besten Tage gesehen habe. Ursache dafür sei das Absinken des Anteils unmittelbarer Erfahrung beim Bau der menschlichen Erkenntnis. Sprich, Menschen, die heute aufwachsen, zumindest in unserer Zivilisation, lernen fast alles auf dem mittelbaren, nicht selbst erlebten Weg und nicht mehr direkt durch eigene Erfahrung. Das selbst ist kein Verhängnis, aber es verändert sehr vieles und sollte bei der Frage, welche Faktoren bei der Sozialisation und Prägung eines Menschen eine Rolle spielen, nicht außer Acht gelassen werden.

Je mittelbarer die Erfahrungsanteile eines Menschen werden, desto prägender ist der Einfluss der Überbringer dieser Botschaften. Die Digitalisierung der Kommunikation und die damit verbundenen Formen der Übermittlung kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden. Zum einen bergen sie die Qualität in sich, quasi omnipräsent und ungeheuer schnell zu sein, d.h. sie ermöglichen Zugang zu dem, was sehr verallgemeinernd Information genannt wird. Zum anderen werfen diese Überbringermedien einen riesigen Schatten über den Prozess der Ermittlung jener Nachrichten. Das, was man auch den politischen Gehalt einer Information nennen kann, weil sie gesellschaftliche Relevanz besitzt, bleibt gemeinhin im Dunkeln.

So sind wir mit einem Paradoxon konfrontiert, das uns noch lange beschäftigen wird. Auf der einen Seite wird die Welt mit Informationen ausgeleuchtet, auf der andren bleibt vieles von dem im Reich der Finsternis, wie und unter welchen Umständen diese Informationen entstanden sind. Da wird es eng für Menschen, die um Aufklärung bemüht sind. Wie nämlich, so muss weiter gefragt werden, kann eine zunehmend von unmittelbaren Erfahrungen abgeschnittene Zivilisation noch ein Gefühl dafür entwickeln, wie realistisch das ist, womit sie informativ konfrontiert wird? Und nur bei dem Versuch, die Frage einigermaßen redlich zu beantworten, muss sich der Gedanke aufdrängen, dass der globale Zugang zu Wissen und Information nicht den Analogschluss zulässt, wir seien aufgeklärt wie nie.

Immer mehr junge Menschen sind nicht mehr in der Lage, nachdem sie den Führerschein besitzen und etwas Fahrpraxis erworben haben, in ihrer eigenen Stadt, sofern es sich um eine größere handelt, vom Punkt A nach B ohne Navigationssystem zu fahren. Aufgrund des digitalen Leitsystems ist die Befähigung abhanden gekommen oder erst gar nicht entstanden, die vertrauten Räume autonom und auf sich selbst vertrauend zu durchkreuzen. Das räumliche Vorstellungsvermögen einer vertrauten Geographie ist aus dem Orientierungsapparat verschwunden und ohne digitale Unterstützung gibt es keinen Weg von einem Stadtteil in den anderen.

Die Steuerbarkeit des Individuums durch die Verkümmerung eigener Erkenntnisfelder hat eine Abhängigkeit von elektronischen Systemen erzeugt, die bereits heute die Zerstörung von Souveränität und Autonomie nach sich gezogen hat. Unmittelbare Erfahrung ist gattungsspezifisch immer noch die beste Voraussetzung für rationale Erkenntnis. Wer in einer exklusiv mittelbaren Welt lebt, hat die Flügelschraube schon im Rücken.