Torquemadas Schatten

In den letzten zwei Tagen erreichten zwei verschiedene Studien die Bundesregierung. In der ersten bescheinigten die Gutachter der Kanzlerin, dass es absolut notwendig sei, Deutschland durch eine tiefgreifende Bildungsreform zu verändern. Bliebe dieses aus, so die Studie, würden sich die Konkurrenzbedingungen des Standortes dramatisch verschlechtern. Zur Vergewisserung: Wir schreiben das Jahr 2012 und der PISA-Schock liegt mehr als ein Jahrzehnt zurück. In der Zwischenzeit haben alle möglichen Lobbys erfolgreich verhindert, dass sich etwas tut: Die Lehrergewerkschaften, die Landesbürokratien, die Elternverbände und, allerdings mit bestimmten, lobenswerten Ausnahmen, die Kommunen. Wir stehen, dank der Lobbyarbeit, der Konfliktscheue der Politik, dem partikularen Irrsinn der föderalistischen Kleinstaaterei und der post-heroischen Befindlichkeit genau da, wo wir vor einem Jahrzehnt standen, schlimmer noch, es ist desaströser. Da stellt sich die Frage, was diese Studie sollte. Die Antwort ist eindeutig: Nichts. Chance auf Veränderung: Keine.

Die zweite Studie ging dem Innenminister zu und bezog sich auf die Befindlichkeit junger Muslime in Deutschland. In der Studie wird angedeutet, dass voraussichtlich ein Viertel der nicht-deutschen Muslime, d.h. derer ohne deutschen Pass, mit terroristischer und/oder islamistischer Gewaltanwendung sympathisiert. Das Entsetzen, welches diesem Ergebnis entsprang, machte deutlich, dass man gar kein Ergebnis wollte, dass alarmierend sein könnte. Der Innenminister selbst reagierte sofort und beteuerte, das Resultat beziehe sich selbstverständlich nicht auf alle Muslime. Welch eine Erkenntnis, und was für eine jämmerliche Position, die nur mit der Angst vor der Inquisition erklärt werden kann. Und die Justizministerin ließ sogleich verlauten, mit der Studie könne insgesamt etwas nicht stimmen.

Nur zur faktischen Erläuterung: In Deutschland leben vier Millionen Muslime. Davon haben zwei Millionen einen deutschen Pass. Von den zwei Millionen nicht-deutschen Muslimen zählen ungefähr sechshundert Tausend zur Gruppe der Jugendlichen und davon wiederum ein Viertel, d.h. 150.000 sympathisieren – laut Studie – mit Gewalt. Das sind Zahlen, die natürlich betrüblich sind, die sich aber mehr als wahrscheinlich nicht sonderlich von den gleichen Alterskohorten deutscher Jugendlicher unterscheiden. Und es sind Zahlen, mit der eine Gesellschaft in Bezug auf ihre Anstrengungen, um etwas dagegen zu tun, durchaus nicht überfordert ist. Die Reaktionen auf die Ergebnisse der Studie sind Hysterie pur und ein Ergebnis des inquisitorischen Terrors der Schergen der politischen Korrektheit.

Beide Studien zeigen, dass wissenschaftliche Expertise keine Erhellung auf den Prozess der praktischen Politik mehr nach sich zu ziehen scheint. Die Verwissenschaftlichung unserer Zivilisation geht – genauso wie die Digitalisierung der Kommunikation – mehr und mehr an der Politik vorbei. In den beiden genannten Fällen wird deutlich, dass die Charaktere, die den politischen Prozess steuern, mehr und mehr die Segel streichen vor einem hysterisierten common sense, der seinerseits zunehmend die Deutung zulässt, als wirke ein kollektiver Todestrieb.