Archiv für den Monat Februar 2012

Lyrische Dialoge mit hoch komplexen Botschaften

Ben Kraef – Rainer Böhm. Berlin – New York

Big Apple ist immer noch die Adresse, die bestimmt, ob sich Künstler im Jazz durchsetzen und behaupten können. So ist es kein Wunder, dass auch die jungen Deutschen, die in diesem Genre etwas auf sich halten, danach streben, in New York für eine Zeit zu verweilen, um ihre Wirkung auf die Szene zu testen. Dass das Label ACT die Idee des Saxophonisten Ben Kraef und des Pianisten Rainer Böhm, die beide eine zeitlang in New York studiert haben, aufgriff, um ein gemeinsames Projekt mit dem Titel Berlin – New York und den amerikanischen Musikern John Patitucci (bass) und Marcus Gilmore (drums) unter der Überschrift young german jazz zu realisieren, spricht für den Weitblick des Unternehmens. Mit der Idee Berlin – New York formierte sich zu diesem Zweck ein transatlantisches Quartett, das einiges zu bieten hat.

Auf der CD sind insgesamt zehn Stücke zu hören, die völlig unaufgeregt arrangiert sind und scheinbar hat das Kraftfeld der beiden Metropolen die Musiker zu einer regelrecht müßigen Inszenierung inspiriert. Der Tenorist Ben Kraef wartet bereits beim ersten Stück, Dayfly, mit einem Ton auf, der das Programm der einstündigen Reflexionen des Quartetts bestimmt. Weich, in den unterschiedlichen tonalen Welten flanierend und assoziierend, scheint er die Geschichte der transatlantischen, gegenseitigen Inspiration erzählen zu wollen, ohne sich auch nur mit einer einzigen Sequenz in die technische Eskapade zu flüchten, von denen leider immer wieder die Aufzeichnungen der jungen Jazzer wimmeln. Mit Willie B. dokumentiert Kraef seine Fähigkeit zum Tempo, ohne das dabei der Eindruck großer Hast oder Aufregung entstünde. Rainer Böhm am Klavier gelingt es immer wieder, mit seinen intelligent und zurückhaltend gesetzten Akkorden den Parcours abzustecken und bei Mind At Peace muten seine Einwürfe an wie Randglossen zu Kraefs Botschaften.

Die beiden Amerikaner sind in diesem Dialog kongeniale Kommunikationspartner. John Patitucci, seinerseits bereits von Chick Corea, Wayne Shorter und Herbie Hancock engagiert, gelingt es immer wieder, seinen Bass wie einen Solisten wirken zu lassen, der die Aufgabe der Rahmensetzung nie aus den Augen verliert. Und Marcus Gilmore sorgt mit seinem Schlagzeug für das die Botschaften übertragende Grundrauschen in der kommunikativen Röhre, ohne dass die Präzision der Satzzeichen darunter litte.

Wären da nicht Stücke wie Joe Blow, aus deren Temperament man das Juvenile heraushörte, käme niemals die Assoziation, dass man es mit jungen Musikern zu tun hat. Das Album ist ein Kompendium lyrischer Dialoge mit hoch komplexen Botschaften, phantastisch arrangiert und mit einer Reife dargeboten, die viele alte Hasen sogar überbietet. Wer sich der Reflexion hergeben will, und dabei etwas Inspirierendes hören möchte, der liegt mit Berlin – New York goldrichtig.

Ein Schulgeheimnis des kognitiven Apparates

Daniel Kahneman. Thinking, Fast and Slow

Der 1934 in Tel Aviv geborene Daniel Kahneman, heute emeritierter Professor verschiedener US-amerikanischer Universitäten und Träger des Wirtschafts-Nobelpreises von 2002, hat ein allgemein verständliches Buch vorgelegt, um Zugang zu Fragen seines lebenslangen wissenschaftlichen Forschens zu ermöglichen. Das wäre an sich nichts, was Spannung erzeugen müsste, handelte es sich nicht um Fragestellungen, die uns alle, täglich, stündlich, in jedem Augenblick beträfen. In seinem Buch Thinking, Fast and Slow, gibt Kahneman einen auch aus didaktischer Sicht gelungenen Einblick in die Forschung über das Wie und Warum menschlicher Entscheidungen.

In insgesamt fünf Kapiteln zeichnet er das Terrain. Er beginnt mit den zwei stereotypen Systemen der menschlichen Erkenntnis, dem emotional und dem rational gesteuerten. In einigen Fallbeispielen zeigt Kahneman auf, wie das menschliche Hirn bei welchen Reizen operiert und warum wir schneller sind, wenn die emotionalen und langsamer, wenn die rationalen Programme laufen. Die Reinform des Gebrauchs des kognitiven Apparates existiert nie, immer mischen sich die beiden Muster der Welterklärung, die Steuerung liegt aber in einer Hand. Sehr gelungen ist die Präsentation der beiden Systeme. Um uns zu System I, der Emotionalität zu führen, benutzt Kahneman das Bild eines gestressten Frauengesichts und für System II, die Rationalität, präsentiert er dem Leser den Anblick einer mathematischen Formel.

Es folgt ein Kapitel über heuristische Systeme, in dem es um Anker, die Überlegenheit der Kausalität in der statistischen Welt und die Erotik schlichter Deduktionen geht. Das Kapitel über die Selbstüberschätzung im kognitiven Prozess ist nahezu eine Fortsetzung der Kritischen Theorie in Bezug auf die Entstehung von Ideologie und die Ausführungen über die Wahlmöglichkeiten zwischen Res publica und Ego ist eine ebenso gelungene wie gesellschaftskritische Reflexion. Das letzte Kapitel über die beiden Selbst individualisiert noch einmal die Optionen und konjugiert sie in ihrer ganzen gesellschaftlichen Tragweite. Dabei geht es nicht nur um die Frage, welchen kognitiven Systems ich mich bediene, sondern auch, ob ich mich einer gesellschaftlich-sozialen oder individuell-hedonistischen Logik bediene.

Das Spannende an Daniel Kahnemans Buch ist das, was sich hinter dem vordergründigen, seine wissenschaftlichen Studien Beschreibenden verbirgt. Dabei geht es um Welterklärung wie Gesellschaftskritik gleichermaßen. Der Leser erfährt nicht nur, welchen instrumentellen Hintergrund konkrete Entscheidungen haben, sondern auch, welche Motivlage das Ergebnis der Entscheidung in seiner Qualität prädestiniert. Und Kahneman bleibt da nicht in der praktischen Folgenlosigkeit der Abstraktion. Das materielle Leitmotiv kognitiver Prozesse im Kapitalismus beraubt, so der einstige Professor aus Berkeley, das Individuum seiner Fähigkeit, in Kreativität und Gestaltung den Zustand des Glücks zu finden. Chapeau! Chapeau!

Interkulturelle Insolvenz

Gipfel haben nicht selten die Funktion eines Placebos. Man organisiert ein Großereignis zu einem Thema, das die Welt spaltet und holt sich prominente Vertreter der kontroversen Positionen an den Tisch. Die verschiedenen Standpunkte werden vorgetragen, ein Konsens ist nicht in Sicht und letztendlich wird nächtelang um die Formulierungen in einem Kommuniqué gerungen, in welchem genau das festgehalten wird, was vorher klar war: Die Lage ist schwierig und kompliziert und man beschließt, die Entwicklung weiterhin kritisch im Auge zu behalten. Manchmal gelingt es sogar, Maßnahmen auf dem Niveau des kleinsten gemeinsamen Nenners zu beschließen, an die sich in der Folge aber auch nicht jeder der Unterzeichnenden hält. Das alles klingt jetzt etwas abschätzig, es gilt aber zu beachten, dass die internationale Diplomatie oft keine anderen Optionen offenhält, es sei denn, man zweifelte die Souveränität der einzelnen Verhandlungspartner an, was seinerseits wiederum eine sehr heikle Sache ist.

Bei nationalen Gipfeln ist die Machtarithmetik etwas anders und die gewählte Regierung kann viel mehr tun, denn sie hat ein demokratisches Mandat. Bei dem jüngsten Integrationstreffen ist jedoch leider wieder einmal festzustellen, dass über die philanthropischen Appelle an die Toleranz und eine leicht bräsige Tendenz zum Eigenlob nicht viel geschehen ist. Das ist insofern gut, als dass die Vertreter der Integrationsindustrie, die eher Bestandteil als Lösung des Problems sind, keine zusätzlichen Ressourcen zu erwarten haben. Schlecht hingegen ist die Fortführung eines idealistischen, religiösen oder wie auch immer gearteten Dialogs, der die Frage von Politik und Recht ersetzt.

Die Notwendigkeiten, die sich angesichts der Zahlen der hier lebenden Migrantinnen und Migranten, der Dauer ihres jeweiligen Aufenthalts und der Bereicherung, die sie mit ihren jeweiligen Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen, ergeben, werden konsequent ausgeblendet. Obwohl seit Jahrzehnten klar ist, dass ein Zuwachs der engeren ethnischen Entwicklung der Deutschen nicht mehr kompatibel ist mit den allgemeinen Tendenzen der Ökonomie und Staatsidee, entspricht das Ausländerrecht und die daraus abgeleitete Politik gegenüber Einwanderern eher einer militanten Verteidigung der eigenen ethnischen Grenzen als einer offensiven, proaktiven und zielorientierten Integration. Nur wer eine Rechtbasis hat, wird sich integrieren können. Und nur wer den Gravitationskräften der tatsächlichen Entwicklung folgt, hat eine Chance, sich nicht von den Realitäten zu entfernen.

Da sich niemand in dieser Republik mit der Vereinfachung des Zugangs zur Staatsbürgerschaft beschäftigt, und da wäre doch einmal ein Blick in die USA durchaus anzuraten, und da sich niemand darüber Gedanken macht, warum der qualifizierte Teil der dritten Generation von Einwanderern mittlerweile wieder auswandert, und da es immer noch als normal empfunden wird, dass in Wirtschaft wie Politik kaum Migrantinnen oder Migranten in den Chefetagen sitzen, ist die Abkoppelung von der globalen Entwicklung so gut wie besiegelt. Denn die Funktionseliten in den Ländern, die zunehmend mit der Globalisierung avancieren, sind längst multiethnisch. Auf dem jüngsten Integrationsgipfel fiel das mal wieder gar nicht auf. Das erklärt wohl die gute Laune.