Archiv für den Monat Februar 2012

Präzise avantgardistische Skizzen

Three Fall celebrating Red Hot Chili Peppers. On a Walkabout

Es gibt sie noch nicht lange, genau gesagt seit dem Jahr 2008, sie sind jung und vor kurzem, als sie in Mannheim Gelegenheit hatten, vor Shorty Trombone auf der Bühne zu stehen, brachten sie die Feuerwache mit tausend Gästen zum Kochen. Three Fall, die Band, die niemand Trio nennen würde, obwohl sie dem Jazz zugerechnet werden, das sind Lutz Streun an Tenorsaxophon und Bassklarinette, Till Schneider an der Posaune und Sebastian Winne am Schlagzeug. Und obwohl die Band als ein Hoffnungsschimmer am deutschen Jazzhimmel gehandelt wird, fällt es schwer, sie und ihre Musik so zu klassifizieren, dass die Zuordnung ohne Zweifel wäre.

Das Album Celebrating Red Hot Chili Peppers. On a Walkabout kann vielleicht helfen, die Arrangements und Botschaften von Three Fall zu entschlüsseln. Mit insgesamt fünf Stücken von den Red Hot Chili Peppers, deren Musik die Band nach eigenen Aussagen in den neunziger Jahren beeinflusste, vor allem durch das West-Coast-Feeling und dem den Stücken anhaftenden Dreck, und insgesamt sieben eigenen Stücken, mit Titeln wie Fiets, Montag oder Ottostraße, hat die Band einen satten avantgardistischen Aufschlag gemacht. Die instrumentale Zusammensetzung selbst macht dabei bereits deutlich, dass das ganze Projekt jenseits des Mainstreams stattfindet.

Balladen der Red Hot Chili Peppers wie Can´t Stop, Under The Bridge oder Scar Tissue kommen so daher, wie die Band den Einfluss dieser Formation beschrieben hat, mit West-Coast-Melancholie und dem urbanen Dreck an den Füßen, wobei vor allem die Exkurse der Posaune drauf verweisen, dass das schlechte Leben durchaus mehr Dynamik zustande zu bringen in der Lage ist als die beschauliche Melancholie. Bei den Rocknummern Walkabout und By The Way hingegen zeigt die Band, dort vor allem der Saxophonist Lutz Streun, dass er mit seinem Instrument einer satten elektrischen Gitarre nicht nachsteht und, ganz im Gegenteil, rein klanglich von der ermüdenden Stereotypie eines Rockensembles sehr erfrischend abhebt.

Die eigenen Kompositionen sind weniger eingänglich, dafür aber innovativer. Ottostraße zum Beispiel hört sich mit der Bassklarinette an wie eine dahin geworfene Neukonzeption eines Eisler-Arrangements, Skycrapers wiederum verstört, weil die Melodie aufgebaut ist wie ein gregorianischer Gesang, unterlegt mit einem Hip-Hop-Rhythmus und gespielt mit einer orientalischen Fünf-Ton-Leiter. Und Montag wiederum hört sich zunächst an wie ein Autounfall an der nächsten Straßenecke, bevor in Funk-Manier eine deutlich prononcierte Geschichte erzählt wird.

Three Fall ist mit ihrem Album tatsächlich ein großer Wurf der avantgardistischen Art gelungen. Mit großem Ideenreichtum und beeindruckender Dynamik sind präzise Skizzen für ein Portfolio musikalischer Innovation in den Raum geworfen worden, die es Wert sind, sich sehr konzentriert damit auseinanderzusetzen. Das Schöne dabei ist, dass man sich als Zuhörer nicht disziplinieren muss, es ist alles einfach auch kurzweilig, ja spannend und wunderbar anzuhören.

Le problème, c´est moi!

Fast ist es schon ermüdend, immer wieder von neuen Anrüchigkeiten zu hören, was die Amtsgeschichte des gegenwärtigen Bundespräsidenten und ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen betreffen. Sicher ist schon lange, dass ausgerechnet dieses Amt einen solchen Charakter nicht verträgt. Von Enthüllung zu Enthüllung wird es immer hässlicher, und man mag kaum noch hinschauen, denn es ist, um ein aktuelles Wort zu bemühen, ein klassischer Fall von Fremdschämen. So ein billiger Johann will man selbst nicht sein, und so eine Gestalt im höchsten Amt des Staates, da fragt man sich schon, wie wir denn dastehen in der Welt.

Aber so leicht kommen wir da auch nicht raus! Während sich die deutsche Öffentlichkeit über den Präsidenten aufregt, steigen die Sympathiewerte der Kanzlerin stetig. Diese wiederum war es, die den Mann aus Nottingham mit allen Tricks der Macht installiert hat, und sie verhöhnt auch noch die Verfassung, weil sie öffentlich bekundet, sie spräche dem Bundespräsidenten ihr Vertrauen aus. Wie bitte? Die Kanzlerin, die in der Verfassung unter dem Präsidenten steht, spricht diesem ihr Vertrauen aus? Da ist der Leserschaft doch zu raten, das auch im Arbeitsleben einmal auszuprobieren und dem eigenen Chef in der Öffentlichkeit das Vertrauen auszusprechen. Die Konsequenz werden die meisten erahnen. Frau Merkel jedoch haut niemand auf die abgefressenen Fingernägel ob dieses unglaublichen Machtzynismus, stattdessen steigt ihre Popularität noch weiter.

Und die Opposition? Auf einer Klausurtagung hat das Spitzengremium der SPD die Marschroute für den Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr festgelegt. Das Bemerkenswerte dabei war die Aussage, nicht Frau Merkel angreifen zu wollen, sondern die eigenen Themen in den Vordergrund zu stellen. Der desolate Zustand der Republik in seiner demokratischen Verfasstheit ist im Grunde genommen zurückzuführen auf die Fokussierung der Machterhaltung und Machterweiterung in 16 Jahren der Kohl-Ära und mittlerweile 7 Jahren der Merkel-Regentschaft. Dagegen, und selbstverständlich damit auch gegen die Personen, die dieses zynische System Macht präsentieren, nicht Halali zu blasen, ist nichts anderes als kleinmütige Kapitulation.

Indem die SPD sich auf diese defätistische Marschrichtung verständigt hat, macht sie natürlich nichts anderes, als auf die Prognosen der Demoskopen zu achten, die in einer scharfen Attacke gegen das System Merkel bereits ein großes Unbehagen in der Bevölkerung ausmachen, was zu einer Abstrafung für die Verschlechterung des Atmosphärischen bei den nächsten Bundestagswahlen führen könne.

Wenn dem so ist, dann liegt doch das Problem nicht beim Prinzen von Nassau oder der Marionettenspielerin aus Mecklenburg-Vorpommern, sondern bei der weichgespülten Bevölkerung selbst, bei dem man nach dem Impetus vergeblich sucht, der sich wehrt gegen schlechte Menschen, Machtmissbrauch, Vorteilsnahme und Verhöhnung. Demokratie hat sehr viel zu tun mit der Selbstachtung des Volkes und seinem Streben nach Autonomie. Ist beides nicht vorhanden, dann kann das beste System nicht funktionieren.

Dickensian Times

Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens

Als er am 14. Juni 1870 in der Westminster Abbey zu London beigesetzt wurde, säumten Hunderttausende die Straßen. Da war vielleicht der letzte Held dieser britischen Welt gestorben, der die Seele des Volkes erobert hatte. Niemand kannte die grausamen Lebensbedingungen des britischen Proletariats besser als er und niemand anderes als er verstand es, das Elend, die Untiefen der Seele und den Überlebenswillen in Worte zu fassen, die so einprägsam und treffend waren, dass sie heute, am 200. Jahrestag seiner Geburt, noch zur Kollektivsymbolik seines Landes beitragen.

Charles Dickens, dessen Große Erwartungen in England im letzten Jahr neu verfilmt wurden und bei deren Ausstrahlung alle anderen TV-Angebote keine Chance hatten, wurde deshalb zum Volkshelden, weil er vielleicht der letzte Schriftsteller Europas war, der die Welt der unterdrückten Klassen aus eigener Anschauung kannte. In seinen großen Romanen wie Oliver Twist, David Copperfield und der Tale of Two Cities breitet er in einer Komplexität sondergleichen das aus, was getrost als Unterwelt bezeichnet werden kann. Das Londoner East End, in dem heute in unbezahlbaren Lofts die Hütchenspieler der Londoner Börse wohnen, vegetierten sie, die Underdogs und Outcasts, die Tagelöhner, Nutten und Mörder, die unzähligen Kinder, die mit Hunger, Krankheiten und dem übergroßen Durst ihrer Väter aufwuchsen.

Dickens, der Romancier, dessen Vater zwar eine Anstellung bei der Royal Navy hatte, aber aufgrund seiner Spielsucht im Schuldenturm landete, kannte selbst die Armut und die Kinderarbeit. Alles, was er später beschrieb, hatte er am eigenen Leib erlebt und nichts, was die Abgründe der menschlichen Seele betraf, war ihm fremd. Mit der Akribie eines Buchhalters transferierte er das, was er erlebt hatte, in seine Handlungen und schuf dabei Figuren, die bis heute auf der ganzen Welt bemüht werden, wenn etwas illustriert werden soll. Seine Figuren und Begriffe gehören in Großbritannien zu der großen Erzählung über die eigene Geschichte.

Bis heute kennt jedes Kind Scrooge, einen Spielverderber, der aus der Weihnachtsgeschichte entlehnt ist, nach Uriah Heep, dem geldgeilen Pfandleiher aus David Copperfield benannte sich gar eine Band und wenn jemand in England das System der Ausbeutung seiner drastischsten Form beschreiben will, dann nennt er es Dickensian. Die Bücher, die Dickens schrieb, und die Figuren, die er schuf, sind heute noch geeignet, in einer Dimension zu ergreifen und zu erschüttern, die scheinbar in ein anderes Zeitalter gehört.

Ob Charles Dickens in Zeiten seines 200. Geburtstages noch eine Chance hat, gelesen zu werden, hängt von dem ab, für das er sich Zeit seines Lebens mit Vehemenz und großem Engagement einsetzte: Bildung für die unteren Schichten. Dickens wollte den sozialen Aufstieg des Proletariats und sah die Chance dazu nur in der Bildung. So sehr die Verfilmungen seiner Bücher auch das große Publikum anziehen, so sehr ist Zweifel angebracht, ob die heutigen unteren Schichten Großbritanniens, nämlich das Proletariat, das keiner mehr will, in der Lage wären, die dicken Bücher mit den komplexen Handlungsstrukturen tatsächlich zu lesen. Es scheint, als ob die Probleme, denen Charles Dickens sein Leben widmete, noch genauso aktuell sind, wie zu seiner Zeit. Das spricht für seine Bücher!