Archiv für den Monat Februar 2012

Alles andere als eine asiatische Kopie

Nguyen Le. Purple – Celebrating Jimi Hendrix

Sich an die großen Entwürfe einer neuen Musik, die zudem noch die Welt verändert hat, zu wagen, ist stets ein fast unlösbares Unterfangen. Konkret, sich an die Stücke eines Jimi Hendrix zu trauen, lockt zu Fehlern, die unverzeihlich sind. Der größte der möglichen Missgriffe ist sicherlich der, nicht nur die Kompositionen, sondern auch die Spielweise kopieren zu wollen. Das kann man machen, wenn man gut ist, zur Übung, aber bitte nur für sich allein, denn das fachkundige Auditorium hat immer das Original im Ohr, und das wird wohl für immer unerreichbar bleiben. Die andere Möglichkeit ist der Versuch, Motive und Zitate zu verfremden, um um sie in eine Zeit zu übertragen, die immer noch von den großartigen Entwürfen des Originals profitieren kann. Willy de Ville ist dieses mit seiner Interpretation von Hey Joe gelungen und Gil Evans hat Stücke von Hendrix in den Jazz geholt, wohin sie auch heute gehören würden.

Der in Paris geborene Vietnamese Nguyen Le, seinerseits im Jazz beheimateter Weltmusiker und Gitarrist, hat vor zehn Jahren bereits den Versuch unternommen, mit dem Album Nguyen Le. Purple – celebrating Jimi Hendrix seinem großen Vorbild nicht nur eine Referenz zu erweisen, sondern auch genau das zu tun, was letztendlich als einzige Option möglich ist: Die Kreativität eines Hendrix in zeitgenössische Genres zu übertragen. Dabei ist ihm ein nun wieder vorliegendes Experiment gelungen, das man sich anhören sollte. Zusammen mit seinem Trio und einigen Ausnahmemusikern als Gästen spielte er sowohl Ohrwürmer wie Manic Depression, Purple Haze und Voodoo Child (slight return) als auch schon damals weniger bekannte Stücke wie 1983…(A Merman I Should Turn To Be) oder Third Stone From The Sun ein. Den Gesang übernahmen dabei Aida Khann und Corin Curschellas, die letztendlich überzeugen konnten, was schwer genug ist, aber insgesamt vielleicht zu oft präsent waren, weil die musikalische Struktur dadurch etwas zu sehr überlagert wurde.

Insgesamt sind die Versuche Nguyen Les sehr gelungen, weil er es vollbringt, mit brillanten Riffs, die sehr nah am Electric Rock des Vorbildes liegen, und deren Einbettung in das Perkussive, teilweise Tribalistische weltmusikalischer Einflüsse, die Vorstellungswelten Hendrix in neue musikalische Muster zu führen. Sehr deutlich wird dieses bei Voodoo Child, bei dem das Thema mit der elektrischen Gitarre von den Hochzentren des Industrialismus ausgeht und immer wieder bis in die geographische Peripherie mit Kongas und einem folkloristischen Gesang wandert und dann zurück ins Zentrum schwappt. Third Stone From The Sun wiederum beginnt mit einer meditativen Sprechstimme, die die großartige Lyrik des Originals in beeindruckender Weise unterstreicht – etwas, das bei der Rezeption Hendrix´immer zu kurz kam! – um dann in das Sphärische einer farbgesteuerten Komposition zu entschwinden, die völlig auf die Assessoires des Rock verzichten kann.

Alle 10 eingespielten Stücke ermöglichen es, Themen und Motive Hendrix in anderen musikalischen Kontexten wieder zu entdecken und einen Eindruck davon zu bekommen, wie zeitgemäß und richtungsweisend diese Strukturen auch heute noch sind. Wer Hendrix hören will, soll bitte Hendrix hören, er wird in seiner Authentizität unerreichbar bleiben. Das kann als Maß für Nguyen Le nicht gelten. Er greift das Phänomen auf, um es zu verfremden, und das ist ihm sehr gelungen.

Die triviale Maschine

Die systemisch ausgerichtete Kommunikationswissenschaft bedient sich bewusst einer Metapher, die die Vorstellung illustriert, man müsse in eine triviale Maschine nur den Stoff X eingeben, um nach der Verarbeitung der Maschine als Resultat das Produkt Y zu erhalten. Rein mechanisch oder elektronisch und technokratisch gedacht, ist das bei den meisten Maschinen auch tatsächlich der Fall. Irreführend wird dieses Modell, wenn es von der Beschreibung eines technischen Prozesses weggeht und sich zu einem Kollektivsymbol entwickelt, dessen Gültigkeit auch auf Menschen und ihre Kommunikation reklamiert wird.

Wir alle kennen die Situation: Man hat einer Person etwas mitgeteilt in der Erwartung einer ganz bestimmten Reaktion. Das Ergebnis ist aber anders, die adressierte Person reagiert nicht wie erwartet und wir sind bestürzt. Wie konnte das kommen, fragen wir dann, ich habe doch ausdrücklich dieses und jenes gesagt? Das konnte, beziehungsweise, das musste so kommen, weil wir es bei Menschen nicht mit trivialen Maschinen zu tun haben, die ausschließlich den Stoff X in das Produkt Y verwandeln. Die informationelle Essenz wird im Innern des Individuums noch vermischt mit Substanzen wie Denkweise, Emotion, sozialer Beziehung, Historisierung und Eigeninteresse. Alles das wird jedoch ausgeblendet bei der Annahme, man hätte es bei Menschen mit trivialen Maschinen zu tun.

Betrachtet man den Verlauf der Kommunikationen, die als gescheitert oder zumindest schwierig gelten, so ist neben dem immer häufiger auftretenden Phänomen einer ausbleibenden gemeinsamen Intentionalität, welches als Ergebnis der Individualisierung und des wachsenden Hedonismus zu sehen ist, zu verbuchen, dass die Annahme eines trivialen Prozesses zu der wachsenden Verstörung geführt hat. Im Grunde genommen neigen immer mehr Zeitgenossen dazu, den vor ihnen liegenden Kommunikationsprozess in ihrer gedanklichen Vorbereitung zu ent-humanisieren, d.h. die kommunikative Vor-Konstruktion bezieht sich auf die Annahme der Teilnehmer als trivialer Maschinen. Die Resultate sind oft bitter, weil die Individuen ihre nicht-triviale humane Wirkungs- und Verarbeitungsweise beibehalten, ungeachtet des Konsenses, die Welt funktioniere wie der Verkehr zwischen trivialen Maschinen.

Wahrscheinlich gehört es zu den großen ideologischen Fehlannahmen unserer Zeit, dass wir die Adaption des Maschinenmodells auf das menschliche Denken und Verhalten nicht beenden, sondern immer wieder bemühen. Das ständige Lamento über die nicht funktionierende Kommunikation ist eine Signatur für die nicht mehr vorhandene Lernfähigkeit. Die Analyse eines gescheiterten Prozesses wird ersetzt durch kollektive Verdrängung, um sich vor der Erkenntnis zu bewahren, dass die Individualisierung unserer Gesellschaft und ihre post-heroische Ideologie nichts Gutes bringen und dass der Mensch komplexer und komplizierter ist als die schicken Tools, die uns in vielerlei Hinsicht bereits beherrschen. Jenseits dieser Erkenntnis lauern dann nämlich auch noch so Ungeheuer wie das Vertrauen, längst nicht so domestizierbar wie die ruppige Kontrolle.

Von den Zielen her denken

Immer öfter und zu Recht wird darauf hingewiesen, dass die systemische Herangehensweise, von den Zielen her zu denken, vieles an Irrtümern und Redundanzen ersparen kann. Um ein ganz konkretes Beispiel zu nehmen, könnte eine solche Frage folgendermaßen aussehen: Wir schreiben das Jahr 2020 und blicken auf die Entwicklung seit heute, 2012, zurück. Griechenland hat sich seit seiner schweren Finanz- und Liquiditätskrise in den Jahren 2010-2013 sehr positiv entwickelt. Heute ist das Land nicht nur liquide, sondern es hat an wirtschaftlicher Autonomie beträchtlich gewonnen. Das Bruttosozialprodukt ist gestiegen, die Arbeitslosigkeit gesunken, in- wie ausländische Investoren sind in beträchtlichem Maße aktiv und die meisten der klugen Köpfe des eigenen Landes wandern nicht mehr aus. Was, so die alles entscheidende Frage, ist geschehen, damit diese Entwicklung möglich wurde?

Da fallen einem sofort eine Menge Antworten ein, die alle etwas mit positiver Gestaltung zu tun haben. Zum ersten müssen die Schulden weg, und zwar so schnell wie möglich. Dann, im Hinblick auf eine eigene Wirtschaftsentwicklung und eines qualitativ hoch stehenden Arbeitsmarktes, müssen die Menschen über eine gute Bildung und Berufsausbildung verfügen. Die Infrastruktur wiederum muss es ermöglichen, nicht nur relativ schnell und geräuschlos von A nach B zu kommen, sondern auch unter ökologischen Gesichtspunkten wenig belastend sein. zur Infrastruktur gehören heute genauso die Kommunikationsnetze.

Des Weiteren muss das Bankenwesen konsolidiert sein, d.h. die Anzahl der Banken muss sich an den mit tatsächlichen Werten hinterlegten Geldströmen bemessen, und nicht an hochgerechneten spekulativen Gewinnmöglichkeiten. Im Falle Griechenlands heißt das eine brachiale, radikale Sanierung des Finanzsektors. Und es wird erforderlich sein, eine ziemlich marode, auf Status und Gehabe basierende Bürokratie in eine effiziente Organisation zu verwandeln, die die Gesetzmäßigkeit politischen Handelns absichert und gleichzeitig der Bürgerschaft ein Leben und Wirtschaften ohne große Ärgernisse ermöglicht sowie die Steuerdisziplin sicherstellt. Eine derartige Agenda und die daraus resultierenden Ergebnisse würden sehr positive Resultate für alle haben, die mit Griechenland assoziiert sind. Es würde Investitionen von außen verlangen und eine Konsum- und Kaufkraft hervorbringen, von der auch die heutigen Gläubiger profitierten.

Und obwohl das alles sehr logisch erscheint, wenn man vom Ziel her denkt, bestimmen diejenigen, die in einer rückwärts gewandten Kausalität denken, dass Griechenland die Kralle an den Hals gesetzt wird. Ein rigoroses Sparprogramm, dessen Resultate in keiner Weise die eingefahrenen Verluste wird kompensieren können, soll Griechenland wieder auf die Beine bringen. Wie das gehen soll, versteht selbst die Weltbank nicht mehr, die in der Vergangenheit immer wieder – ohne Erfolg, vor allem im Falle so genannter Schwellenländer – auf diese Karte gesetzt hat. Wer hingegen vom Beginn des Debakels, nämlich einem völlig überdrehten Investitionsdruck bis hin zu einem leichten Leben auf Pump denkt, dem fällt als Affaire Drakonie wahrscheinlich nichts mehr ein als der ökonomische Morgenstern.