Die Ära des restringierten Codes

Die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Blüte stehende Soziolinguistik kam aus den USA und befasste sich mit dem Phänomen der Korrelation von Sprachkompetenz und der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. Die These, dass eine kausale Beziehung zwischen sozialer Gruppe und Sprachkompetenz bestehe, war älter und mit europäischen Namen wie Wygotzki und Piaget verbunden. Das amerikanische Derivat und erstmals von Basil Bernstein formulierte Theorem ging nicht nur weiter, sondern hatte noch weit reichendere Folgen. Zwar unterschied Bernstein unterschiedliche Codes, wie er es nannte, nämlich den elaborierten und den restringierten, attestierte aber den Trägern des eingeschränkten, von der Komplexität eher spärlichen Codes eine gesellschaftlich ausreichende Ausdrucks- und Kommunikationskraft. Und prompt setzte eine Entwicklung ein, an deren Ende die gesellschaftliche Akzeptanz sprachlicher Inkompetenz stand.

Das Phänomen lässt sich sehr leicht verifizieren. Hört man heute Tondokumente mit Diskussionen und Gesprächen von Immigranten aus den USA der zwanziger bis fünfziger Jahre, so fällt auf, dass diese fast ausschließlich ein Hochenglisch sprechen und nur an ihrer Akzentuierung zu erkennen sind. Nach den in der Soziolinguistik entwickelten Theorien, die im Zusammenhang zu sehen sind mit der politischen Tendenz, mit normativen Forderungen an Einwanderer zurückhaltender zu werden, konnte ein in verschiedene Slangs zerfallender und an Niveau einbüßender Code des Umgangs- und Verkehrssprachlichen verzeichnet werden.

Die Digitalisierung der Kommunikation hatte keine gesellschaftspolitischen Ursachen, brachte dafür aber ungeheure Wirkungen mit sich. Eine davon unterstütze die Entwicklung der Sprache von der Komplexität zur Sparsamkeit. Aus der Notwendigkeit der Eindeutigkeit von Maschinensprache geboren, wurden Programme entwickelt, die mit eindeutiger, aber wenig varianzreicher Sprache bedient werden mussten. Spätestens mit der Einführung des Short Message Service (SMS) wurde offensichtlich, dass die Tendenz zur Maschinisierung der Sprache einen neuen qualitativen Sprung gemacht hatte. Ein weiterer, noch gewaltigerer Sprung wird derzeit durch die phonetische Befehlbarkeit der nächsten Maschinengeneration eingeleitet.

Das Ergebnis der beschriebenen Entwicklungen ist die Demolierung elaborierter Ausdrucksfähigkeit und einer Simplifizierung von Botschaften. Das epistemologische Axiom, dass Sprache Form des Denkens ist, erhält dadurch eine dramatische Deutung. Wenn Sprache sich vom Komplexen zum Einfachen, Dürftigen entwickelt, so müssen wir konstatieren, dann dokumentiert dieses bereits den Status des restringierten Denkens. Oder anders herum buchstabiert, die Dürftigkeit von Umgangs- und Verkehrssprache ist ein Indiz für den geistigen Verfall.

Der Umgang mit der digitalisierten Kommunikation ist folglich bei Weitem zu unkritisch, denn wenn er im Übermaß propagiert wird, fördert er die Produktion von Untertanen.