Noch ist der neue Bundespräsident nicht gewählt, und schon werden die ersten Stimmen aus dem Lager laut, aus welchem ursprünglich der Vorschlag zu seiner Person kam, dass dieser Mann im Grunde genommen nicht wählbar sei. Oberflächlich betrachtet ist das überraschend, sieht man genauer hin, kann es gar nicht anders sein. Denn einerseits wollte man, auch schon vor zwei Jahren, dem Konzept der Kanzlerin, das die Neutralisierung des letzten politischen Gegners im eigenen Lager als Leitmotiv hatte, einen Entwurf entgegensetzen, der eine völlig andere Qualität besaß als ein politisches Begräbnis erster Klasse. Mit Herrn Gauck sollte das Modell des aufrechten, streitbaren und unbequemen Demokraten gesetzt werden, um der Kollusion im politischen System die Anklage zu überreichen.
In der Zwischenzeit aber ging das Leben weiter und es hat sich gezeigt, dass der Kandidat seiner Linie treu geblieben ist, diejenigen, die ihn vorschlugen, ihn aber zumindest zu einem erheblichen Teil nur als taktische Variante im Ärmel hatten. Zum Entsetzen der jetzt wie Moderpilze aus dem Boden schießenden neuzeitlichen Inquisitoren nämlich hat der Mann sich zu dem höchst umstrittenen Buch des ehemaligen Berliner Senators Sarrazin geäußert. Und, was ihm nun zum Vorwurf gemacht wird, er hat die Chuzpe besessen, dem Autor großen Mut zuzugestehen, ein derart brisantes Thema wie die Integration und die an ihr beteiligte, staatlich geförderte Industrie des Scheiterns offen anzusprechen und zu kritisieren. Da sprach aus dem Kandidaten genau das, was vorher für ihn bemüht wurde, nämlich das Aufrechte, Streitbare und Unbequeme. Des Gleichen wirft man ihm vor im Hinblick auf seine Positionierung in der Weltfinanzkrise. Auch dort hatte er sich nicht in den absurden Chor der Kritiker eines vermeintlichen Neoliberalismus eingereiht, sondern die Habgier der neuen Mittelklasse, die die Finanzinstitute auf abenteuerliche Beutezüge schickte, angeprangert.
Das schmeckt natürlich denen nicht, die ihrerseits das Demokratische stets für sich reklamieren, ihrem Verhalten nach aber das Erbe des Großinquisitors Torquemada für sich beanspruchen. Das passt nicht zu dem taktischen Zug, diesen Präsidenten etablieren zu wollen und wird bereits offensichtlich, bevor er überhaupt gewählt wurde. Im Grunde genommen kann unserer Republik nichts Besseres passieren, denn wenn einer in der Lage ist, die herrschende Ideologie, nämlich die der Political Correctness und der damit verbundenen Spiritualisierung von Politik zu entlarven, dann ist es dieser Kandidat. Der kommt zwar aus der Religion, aber aus einer Zeit, als man das im Osten noch brutal von der Politik trennte, und er wird wissen, wann es an der Zeit ist, politisch zu handeln und wann es besser wäre, das Gebetbuch aufzuschlagen.
Richtig interessant wird es auch noch dadurch, dass momentan die Parteien des die Bürgerschaft zunehmend entmündigenden Zeitgeistes in der Opposition weilen und die Chefideologen der aktuellen Inquisition sich erst auf eine neue Regierungsübernahme vorbereiten. Die Kanzlerin wird an dem neuen Präsidenten noch ihre Freude haben, die Opposition wird böse erwachen. Um die mächtige Welle der Gegen-Aufklärung zu stoppen, dafür ist ein Bundespräsident zu schwach. Mithelfen, ihr Unheil transparent zu machen, kann er sehr wohl.
