Alles andere als eine asiatische Kopie

Nguyen Le. Purple – Celebrating Jimi Hendrix

Sich an die großen Entwürfe einer neuen Musik, die zudem noch die Welt verändert hat, zu wagen, ist stets ein fast unlösbares Unterfangen. Konkret, sich an die Stücke eines Jimi Hendrix zu trauen, lockt zu Fehlern, die unverzeihlich sind. Der größte der möglichen Missgriffe ist sicherlich der, nicht nur die Kompositionen, sondern auch die Spielweise kopieren zu wollen. Das kann man machen, wenn man gut ist, zur Übung, aber bitte nur für sich allein, denn das fachkundige Auditorium hat immer das Original im Ohr, und das wird wohl für immer unerreichbar bleiben. Die andere Möglichkeit ist der Versuch, Motive und Zitate zu verfremden, um um sie in eine Zeit zu übertragen, die immer noch von den großartigen Entwürfen des Originals profitieren kann. Willy de Ville ist dieses mit seiner Interpretation von Hey Joe gelungen und Gil Evans hat Stücke von Hendrix in den Jazz geholt, wohin sie auch heute gehören würden.

Der in Paris geborene Vietnamese Nguyen Le, seinerseits im Jazz beheimateter Weltmusiker und Gitarrist, hat vor zehn Jahren bereits den Versuch unternommen, mit dem Album Nguyen Le. Purple – celebrating Jimi Hendrix seinem großen Vorbild nicht nur eine Referenz zu erweisen, sondern auch genau das zu tun, was letztendlich als einzige Option möglich ist: Die Kreativität eines Hendrix in zeitgenössische Genres zu übertragen. Dabei ist ihm ein nun wieder vorliegendes Experiment gelungen, das man sich anhören sollte. Zusammen mit seinem Trio und einigen Ausnahmemusikern als Gästen spielte er sowohl Ohrwürmer wie Manic Depression, Purple Haze und Voodoo Child (slight return) als auch schon damals weniger bekannte Stücke wie 1983…(A Merman I Should Turn To Be) oder Third Stone From The Sun ein. Den Gesang übernahmen dabei Aida Khann und Corin Curschellas, die letztendlich überzeugen konnten, was schwer genug ist, aber insgesamt vielleicht zu oft präsent waren, weil die musikalische Struktur dadurch etwas zu sehr überlagert wurde.

Insgesamt sind die Versuche Nguyen Les sehr gelungen, weil er es vollbringt, mit brillanten Riffs, die sehr nah am Electric Rock des Vorbildes liegen, und deren Einbettung in das Perkussive, teilweise Tribalistische weltmusikalischer Einflüsse, die Vorstellungswelten Hendrix in neue musikalische Muster zu führen. Sehr deutlich wird dieses bei Voodoo Child, bei dem das Thema mit der elektrischen Gitarre von den Hochzentren des Industrialismus ausgeht und immer wieder bis in die geographische Peripherie mit Kongas und einem folkloristischen Gesang wandert und dann zurück ins Zentrum schwappt. Third Stone From The Sun wiederum beginnt mit einer meditativen Sprechstimme, die die großartige Lyrik des Originals in beeindruckender Weise unterstreicht – etwas, das bei der Rezeption Hendrix´immer zu kurz kam! – um dann in das Sphärische einer farbgesteuerten Komposition zu entschwinden, die völlig auf die Assessoires des Rock verzichten kann.

Alle 10 eingespielten Stücke ermöglichen es, Themen und Motive Hendrix in anderen musikalischen Kontexten wieder zu entdecken und einen Eindruck davon zu bekommen, wie zeitgemäß und richtungsweisend diese Strukturen auch heute noch sind. Wer Hendrix hören will, soll bitte Hendrix hören, er wird in seiner Authentizität unerreichbar bleiben. Das kann als Maß für Nguyen Le nicht gelten. Er greift das Phänomen auf, um es zu verfremden, und das ist ihm sehr gelungen.