Lyrische Dialoge mit hoch komplexen Botschaften

Ben Kraef – Rainer Böhm. Berlin – New York

Big Apple ist immer noch die Adresse, die bestimmt, ob sich Künstler im Jazz durchsetzen und behaupten können. So ist es kein Wunder, dass auch die jungen Deutschen, die in diesem Genre etwas auf sich halten, danach streben, in New York für eine Zeit zu verweilen, um ihre Wirkung auf die Szene zu testen. Dass das Label ACT die Idee des Saxophonisten Ben Kraef und des Pianisten Rainer Böhm, die beide eine zeitlang in New York studiert haben, aufgriff, um ein gemeinsames Projekt mit dem Titel Berlin – New York und den amerikanischen Musikern John Patitucci (bass) und Marcus Gilmore (drums) unter der Überschrift young german jazz zu realisieren, spricht für den Weitblick des Unternehmens. Mit der Idee Berlin – New York formierte sich zu diesem Zweck ein transatlantisches Quartett, das einiges zu bieten hat.

Auf der CD sind insgesamt zehn Stücke zu hören, die völlig unaufgeregt arrangiert sind und scheinbar hat das Kraftfeld der beiden Metropolen die Musiker zu einer regelrecht müßigen Inszenierung inspiriert. Der Tenorist Ben Kraef wartet bereits beim ersten Stück, Dayfly, mit einem Ton auf, der das Programm der einstündigen Reflexionen des Quartetts bestimmt. Weich, in den unterschiedlichen tonalen Welten flanierend und assoziierend, scheint er die Geschichte der transatlantischen, gegenseitigen Inspiration erzählen zu wollen, ohne sich auch nur mit einer einzigen Sequenz in die technische Eskapade zu flüchten, von denen leider immer wieder die Aufzeichnungen der jungen Jazzer wimmeln. Mit Willie B. dokumentiert Kraef seine Fähigkeit zum Tempo, ohne das dabei der Eindruck großer Hast oder Aufregung entstünde. Rainer Böhm am Klavier gelingt es immer wieder, mit seinen intelligent und zurückhaltend gesetzten Akkorden den Parcours abzustecken und bei Mind At Peace muten seine Einwürfe an wie Randglossen zu Kraefs Botschaften.

Die beiden Amerikaner sind in diesem Dialog kongeniale Kommunikationspartner. John Patitucci, seinerseits bereits von Chick Corea, Wayne Shorter und Herbie Hancock engagiert, gelingt es immer wieder, seinen Bass wie einen Solisten wirken zu lassen, der die Aufgabe der Rahmensetzung nie aus den Augen verliert. Und Marcus Gilmore sorgt mit seinem Schlagzeug für das die Botschaften übertragende Grundrauschen in der kommunikativen Röhre, ohne dass die Präzision der Satzzeichen darunter litte.

Wären da nicht Stücke wie Joe Blow, aus deren Temperament man das Juvenile heraushörte, käme niemals die Assoziation, dass man es mit jungen Musikern zu tun hat. Das Album ist ein Kompendium lyrischer Dialoge mit hoch komplexen Botschaften, phantastisch arrangiert und mit einer Reife dargeboten, die viele alte Hasen sogar überbietet. Wer sich der Reflexion hergeben will, und dabei etwas Inspirierendes hören möchte, der liegt mit Berlin – New York goldrichtig.