Archiv für den Monat Januar 2012

Appellative Vernetzung und tatsächliche Kooperation

Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen tatsächlich funktionierenden Strukturen und der Intensität ihrer Formalisierung. Eine Organisation oder soziale Beziehungen, die gut funktionieren, machen relativ wenig Aufwand um die Beschreibung dessen, was notwendig ist. Auf der anderen Seite trifft man immer wieder auf soziale Zusammenhänge, die mit immensem Aufwand formulieren, worum es ihnen geht und wie sie operieren möchten. Eine Erscheinung, an der sich ein strukturelles Defizit auf der einen und ein extrem hoher propagandistischer Aufwand auf der anderen Seite zeigen lassen, kann unter dem Stichwort der Vernetzung zusammengefasst werden.

Die Kooperation, sprich das Zusammenwirken und die Zusammenarbeit von Menschen, ist in komplexen und komplizierten Kontexten eine Selbstverständlichkeit. Wäre das nicht so, könnten wir von dem Axiom abrücken, der Mensch sei ein soziales Wesen. Aber, so wie es scheint, ist diese Selbstverständlichkeit aus der tatsächlichen Lebenspraxis weitgehend verschwunden, weil die Thematisierung der Vernetzung und Kooperation den größeren Raum einnimmt im Vergleich zu den praktischen Konsequenzen des lauten Appells. Es fällt auf, dass die Propagierung der Vernetzung die tatsächlich notwendige Vernetzung überdeckt. Formal werden die elaboriertesten Pläne erstellt, tatsächlich aber werden sie nicht gelebt. Somit unterliegt die Forderung nach Vernetzung und Kooperation dem klassischen Schicksal des Doppelcharakters.

Zum einen beschreibt die Forderung das tatsächliche Erleben eines Defizits, denn die Einsicht, existenziell ein soziales Wesen zu sein, das in einer komplexen Welt agiert, ist bei den Menschen immer noch weit verbreitet. Zum anderen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse mit ihrer post-heroischen Dimension das sozial-verträglich Assoziative kaum noch zulässt. Die durch einen konsumtiven Individualismus betriebene Egomanie hat sich längst Bahn gebrochen und der Appell zu Vernetzung und Kooperation mutet nicht selten an wie die romantische Sehnsucht nach den guten alten Zeiten.

Schlimm bis unerträglich wird es, wenn unter der Chiffre der Zusammenarbeit ein potemkinsches Dorf errichtet wird, um die Sehnsucht nach Kooperation zu täuschen. Obwohl zunehmend formale Strukturen das Kooperative zu sichern suchen, sind sie oft nur Fassade des billigsten Individualismus und eine Verbrämung von partikularen Interessen.

Wie so oft – und vor allem im Bereich der Kommunikation, der analoge Phänomene aufweist – empfiehlt sich auch hier, nach der tatsächlich praktischen Konsequenz der formalen Vorgabe zu fragen. Vernetzung als formales Diktum ersetzt noch lange nicht den tatsächlichen sozialen Kontakt und den Prozess einer tief greifenden Verständigung. Dazu wiederum gehören beträchtliche Anteile aus den Größenordnungen Respekt und Empathie, die der individualisierten Egomanie mit ihrem Manierismus und ihrer Eitelkeit völlig abgehen. Meist ist nicht drin, was draufsteht.

Helter Skelter in der Republik

Vermeintliche Kreditgeschäfte per Handschlag, aber doch über Telefon, Kriegsdrohungen auf den AB, Urlaubsreisen auf Kosten von Superreichen. Erscheinungen aus den Geschäftsgebaren und der Lebensführung eines Präsidenten. Ehrlich gesagt, ist die ganze Aufregung unverständlich, wenn man sich die Präsidenten und ihren Habitus im internationalen Vergleich ansieht. Den Sozialisten Mitterand in Frankreich nannte sein eigenes Volk gar Le Dieu, den Gott, weil alles, was er wollte, geschah oder geschehen gemacht wurde und keiner diesem zu widersprechen wagte. Auch in jüngerer Zeit tat sich ein Sarkozy durch machtpolitische Extravaganz hervor und sein italienisches Pendant Berlusconi ließ die Laszivität der politischen Macht der Renaissance wieder aufblitzen. Und nun, im Land der teutonischen Tugenden, beginnt man an einem Präsidenten zu mäkeln, der wegen eines kleinen Hauskredites ins Schlingern geriet? Das ist provinziell und engstirnig und weit entfernt von einer radikalen, demokratischen Kritik.

Vielleicht, so könnte man denken, hat sich dieser deutsche Michel im Schloss Bellevue einfach in der Dimension vertan. Da fängt die Journaille an zu krähen, weil er Dinge gemacht hat, wie sie dir und mir unterlaufen könnten, mit unserer kleinbürgerlichen Vorstellung von Ordnung und Moral. Und dass das so ist, das können wir dem Dutzendmenschen nicht verzeihen. Wenn wir, die ewigen Weltmeister, in welchen Disziplinen auch immer, den Hammer herausholen, dann muss das doch richtig krachen. Ein Zumwinkel, der aus der guten alten Deutschen Post einen Weltkonzern gemacht hat, der wusste, was sich gehört. Der hat die Tresore aufgebrochen und mit Haltung seine Taschen gefüllt. Wer dagegen unterm Tisch mogelt, ist ein kleinkarierter Betrüger, den wir nicht wollen. Da haben wir mehr verdient!

Und die Moralapostel, die jetzt sich echauffieren über den tumben Wüstling aus der flachen Provinz, die sind noch schlimmer als Die Glocke, Die Volkszeitung, Die Stimme und wie sie noch alle heißen, die Käseblätter, die nur in einem Weltniveau besitzen: In der Herstellung elender Langeweile und die es vielleicht noch vermögen, phantasievolle junge Leute ins unfreiwillige Exil zu treiben. Nein, liebe Landsleute, das präsidial-mediale Intermezzo zwischen den Jahren legt kein gutes Zeugnis ab über den Zustand dieser Republik. Vielmehr erhält man den Eindruck, als sei ein babylonisches Fanal entfacht worden, in dem alle durcheinanderschreien und sich der Unzucht bezichtigen.

Böse Zeitgenossen schwadronieren in dieser nahezu unerträglichen Kakophonie zunehmend von einer Erosion der Werte. Falsch liegen sie da nicht, obwohl es klug wäre, nicht allzu optimistisch mit der Situation umzugehen. Denn es ist deutlich, dass die alten Werte nicht mehr gelten. Und die neuen, die sind noch nicht so genau ablesbar. Darin scheint ein Problem zu liegen, das macht die Diskussion aber auch so fruchtlos. Nur, wenn man weiß, wohin die Reise geht, lohnt es sich bekanntlich, sich über den Weg zu streiten. Wer aber keine Vorstellung von der Zukunft hat, der stochert bekanntlich ziellos im Nebel. Insofern hat jenes geflügelte Wort Ödon von Horvaths gegenwärtig eine sehr hohe Valenz: Ich gehe, und weiß nicht wohin, mich wundert, warum ich so fröhlich bin!

Ein Algorithmus der menschlichen Regung

Robert Harris. The Fear Index

Die Sujets, denen sich der britische Schriftsteller bereits gestellt hat, waren durchaus herausfordernd. Ob es sich um die Sequenzen aus der römischen Geschichte handelte, denen er sich vor allem im letzten Jahrzehnt gewidmet hat, oder den Thriller Fatherland, der in in einem Nachkriegs-Berlin unter Herrschaft der Nazis spielt oder der Agentenstory um die Entschlüsselung des U-Boot Codes Enigma durch die Briten – Harris hatte immer einen Riecher für Handlungen, die sich um das Spiel der Macht drehen und in denen schrille Figuren einen dominanten Part übernehmen.

Mit The Fear Index hat Robert Harris ein Thema aufgenommen, das aktueller und aufregender nicht sein könnte. Er konzentriert sich auf einen Hedge Fund Manager, der aus Genf in der Schweiz operiert und prima vista schon einmal alle Klischees bedient, die sich in der jüngsten Finanzkrise etabliert haben. Jung, reich, ein bißchen asozial und irgendwie ein Fremdkörper in der Gattung Mensch. Das Besondere an dem Hedge Fund und seinem Vorsitzenden ist die Verwissenschaftlichung des Vorgehens. Die Börsenaktivitäten folgen einem Algorithmus, d.h. Formeln, nicht menschliches Urteilsvermögen bestimmen darüber, was ge- und was verkauft wird. Damit greift Harris eine Entwicklung auf, die tatsächlich zu beobachten ist: die Computerisierung des Börsenhandels und die damit verbundene Inkaufnahme politischer Risiken.

Sehr gelungen ist die gedankliche Konstruktion, dass der hier fiktive Algorithmus auf Überlegungen und messbaren Größen zur Angst basiert. Eine menschliche Emotion also, die neben dem Vertrauen als die bi-dominante Größe im Börsengeschäft gilt. Harris eröffnet nahezu alle Kapitel einer exzellent geschriebenen und spannungsgeladenen Story mit einer Sequenz aus Darwins Entstehung der Arten, und daraus wiederum die wissenschaftlichen, emotionslosen Beobachtungen über die fatalen Reaktionsweisen, die aus der Angst entstehen. Das sind die wirklich gelungenen Konstitutionsprinzipien dieses Romans, der sich selbstverständlich fulminant abhebt von allem anderen, was sich phänomenologisch und glorifizierend der Geldmaschine Börse widmet.

Dennoch sind bestimmte Abstriche in der Bewertung zu machen. Zwar ist die Unterstellung, dem jungen Wissenschaftler, der den Algorithmus entwickelt und der im Grunde damit die Börsen in den Amok treibt, ginge es nicht ums Geld, durchaus nachvollziehbar, die emotionalen Pendants, die eine Rolle spielen, kommen jedoch nicht zur Geltung.

Vieles Aberwitzige, was die Weltbörsen zu dem gemacht hat, was sie heute sind, resultiert neben den kalten, vielleicht auch manisch getriebenen Wissenschaftlern, aus der unbeschränkten Gier eines neuen Mittelstandes, der die natürlichen Grenzen der Wertschöpfung außer Kraft gesetzt haben will. Das politisch immer wieder bemühte Gerede über die Zockermentalität der Börsianer kann nur deshalb auf reale Beobachtungen zurückgreifen, weil es einen Kundenstamm gibt, der diese wahnwitzigen Instrumente und Mechanismen erst begünstigt. Indem Robert Harris auf die Beleuchtung dieser Komponente verzichtet, verpasst er eine Chance, dem Roman eine Entsprechung der Komplexität zu geben, die das Vabanque der Börsenökonomie ausmacht.

Dass Robert Harris ein britischer Schriftsteller ist, den wie die Guten seines Faches die Befähigung auszeichnet, spannend zu schreiben und auch komplizierte Zusammenhänge verständlich zu formulieren, ohne dass die Handlung, die – wenn auch manchmal etwas zu sehr abstrus – meisterhaft aufgebaut ist und Spannung bis zur letzten Seite garantiert, trägt dazu bei, den Fear Index zur Kategorie exzellenter Unterhaltung zurechnen zu können.