Archiv für den Monat Januar 2012

Muhammad Ali zum Siebzigsten!

Wenn morgens um Zwei die Tür zu meinem Zimmer aufging und mein Vater rief, Aufstehen, es geht gleich los, dann war sicher, dass es eine jener unvergesslichen Nächte wurde, die mir bis heute nicht aus dem Gedächtnis gegangen sind. Dann boxte der Größte, wie er sich nannte, der mit bürgerlichem Namen, Cassius Clay, noch das Stigma der Sklaverei mit sich herum trug, ehe er die westliche Welt mit seinem Bekenntnis zum Islam schockte und als Muhammad Ali den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte. Dafür bezahlte er mit seinem ersten Weltmeistertitel, den man ihm aberkannte. Aber er holte sich diesen Gürtel noch zweimal zurück und brach damit eherne Gesetze.

Wenn wir dann vor dem Fernseher saßen, kam keine archaische Version des Boxsports zu uns, sondern die Exzentrik der Moderne aus dem fernen New Yorker Madison Square Garden direkt in unsere Kleistadt im Ruhrgebiet. Ich kenne keinen Jungen meiner Generation, der nicht begeistert war von diesem Boxer, der rebellierte wie kaum ein anderer und eine derartige Überlegenheit ausstrahlte. Muhammad Ali, das begriffen zunächst nur wenige, war der Vietcong des Boxsports, er beherrschte die Fähigkeit, sich in Denkweise wie Bewegungsabläufe seiner Gegner hineinzudenken und in der Manier eines Guerilleros zu kontern. Man könnte die Kampftaktiken des späteren Ali, als er schon lange nicht mehr juvenil um seine Gegner herumtanzte und nach dem Slogan Fly like a buttefly and sting like a bee vorging, mit Sätzen Ho Chi Minhs kommentieren, die da sagten, wenn unser Gegner stark und ausgeruht ist, ziehen wir uns in die Wälder zurück; ist er nach langem Marsch erschöpft und schlecht aufgestellt, dann greifen wir an. Der größte, bewegendste und brutalste Kampf des 20. Jahrhunderts, das Duell gegen George Foreman in Kinshasa, war der Beleg für dieses Konzept. Ali ließ sich neun Runden lang vom stärksten Mann der Welt verdreschen, demoralisierte ihn währenddessen verbal und setzte wie aus dem Nichts den tödlichen Schlag.

Muhammad Ali, der Outcast, der mit seinen eigenen, rezitierten Versen beim Wiegen den Rap erfand und kultivierte, der seiner Zeit um Lichtjahre voraus war und einer ganzen Generation den Mut vermittelte, sich nicht zu beugen, war eine Identifikationsfigur mit hoher ästhetischer Qualität. Er faszinierte über Bildungsgrenzen hinaus, nicht nur, weil er ein Meister seines Handwerks war, sondern auch, weil er den einzigen Überlebenstypus vorgezeichnet hat, den es noch gibt. Den Preis, den er dafür zahlte, nahm er im Gestus eines Gentleman entgegen, der um den Einsatz wusste.

Erst kürzlich schrieb mir ein Klassenkamerad aus jenen Tagen, den ich nach Jahrzehnten wieder entdeckte, dass er vor ein paar Jahren in einer Hotelhalle in Atlantic City war, als plötzlich alles verstummte und alle Anwesenden das Gefühl hatten, dass etwas Außergewöhnliches passierte, bis er feststellte, dass Muhammad Ali soeben den Saal betreten hatte und sich alle erhoben und applaudierten. Bis zum heutigen Tag gehen von diesem Prototyp der Rebellion ein Charisma und eine Magie aus, die nur schwer zu erklären sind.

Heute Nacht, zu Ehren seines 70. Geburtstages, habe ich die Lichter brennen lassen, wie zu der Zeit, als er in den Morgenstunden europäischer Zeit boxte. Damals brannten alle Lichter in unserer Straße. Das ist heute nicht mehr der Fall.

West Coast Feeling im Big Apple

Art Pepper. Friday Night at the Village Vanguard

Was für eine Karriere! Der in Gardena/Kalifornien 1925 geborene und aufgewachsene Altsaxophonist Art Pepper war vom Talent und seiner Spielweise derjenige, der das Zeug mitbrachte, den großen Charlie Parker zu beerben. Stilistisch sehr verschieden, von seiner Virtuosität und improvisatorischen Intelligenz und Empathie allerdings ähnlich dimensioniert, spielte er sich über die Standards und das Feeling des West Coast Jazz in die erste Reihe des amerikanischen Jazz. Analog zu Charlie Parker verfiel er sehr früh dem Heroin, was sein Leben über große Strecken zerstörte und ihn insgesamt für elf Jahre hinter Gitter brachte. Erst in in den siebziger Jahren kam er von der Droge los und entwickelte bis zu seinem frühen Tod 1982 nochmals eine erstaunliche Kraft, die vor allem in den Aufnahmen aus dem New Yorker Village Vanguard zum Ausdruck kommt.

Das nun neu aufgelegte Album Friday Night at the Village Vanguard, aufgenommen bei dortigen Auftritten im Juli 1977, ist ein beeindruckendes Dokument eines künstlerischen Come Backs. Auf insgesamt fünf Stücken ist der eigenwillige, sehr relaxte und dennoch kraftvolle Stil Art Peppers zu bewundern. Zusammen mit George Gables (piano), George Mraz (bass) und Elvin Jones (drums) exerziert Art Pepper das, was den relaxten Laid Back Stil der West Coast ausmachte und im Herzen New Yorks wie ein Fremdkörper wirken musste. Die Spielweise musste als ein Kontrapunkt zu den atemberaubenden Jagdszenen des Bebop gesehen werden, traf sich historisch aber durchaus mit der längst etablierten modalen Spielweise eines Miles Davis.

Mit Las Cuevas De Mario groovt sich das Quartett noch ein und brachte das Westküsten-Latino-Signet noch mit, ehe eine Interpretation von Van Huesens But Beautiful dokumentiert, wie brachial und erdig Pepper in dieser letzten Schaffensphase an in Stein gehauene Balladen ging. Fast klingt der martialische Ton schon blasphemisch, würde er nicht durch improvisatorische, sanfte Riffs nachgebessert. Ellington-Tizols Caravan, bei dem Pepper sogar zum Tenor greift, beginnt mit einer Meditation jenseits der Tonarten, bevor Pepper mit einer wie lästig empfundenen Referenz das Thema aufgreift, um zu demonstrieren, wie man als Outcast zu den Konventionen stehen und sie dennoch, im tiefsten Innern, negieren kann. Diesen Widerspruch ist er nicht gewillt aufzulösen und gibt dadurch dem Stück eine Note, die verstörend und beunruhigend wirkt.

Seine Eigenkomposition Labyrinth wiederum wirkt trotz seiner Konstitutionsprinzipien regelrecht beruhigend, die melodiöse Melancholie, die durchaus romantische Hinweise mit sich bringt, suggeriert nahezu die Versöhnung mit der Orientierungslosigkeit. Der Abschluss der Aufnahme bildet der Gillespie-Klassiker A Night In Tunesia, insofern ein Ausrufezeichen, als dass Art Pepper sich eine Hymne eben des Bebop ausgesucht hat, um vielleicht dem Big Apple die Referenz abzustatten, die er als West Coaster dem sagenhaften Club an der Pforte zum Village schuldig war. Und sie gelang, mit allen Finessen, die die improvisatorische Extravaganz des Bebop erforderte.

Friday Night at the Village Vanguard ist ein historisches Dokument über einen der großen Auftritte eines Musikers, dessen Leben zerstört war, dessen einziges Medium die Musik blieb und über das er alle Brüche mitteilte, die er erlebt hatte. In einer auch tonalen Qualität, die sich weit über vieles erhebt, was allgemein als historisch verramscht wird.

Ein dramatischer Paradigmenwechsel zum Thema globaler Urbanisierung

Doug Saunders. Arrival City

Dass über lange historische Zeiträume bestimmte Phänomene der Entwicklung aus einem falschen, irritierenden Blickwinkel gesehen werden können, ist nicht unbedingt eine neue Erkenntnis. Bei einer Frage wie dem globalen Trend der Urbanisierung allerdings kann man neben dem eigentlichen Thema auch noch Rückschlüsse auf die Denkweise derer ziehen, die das Phänomen ideologisch und negativ gesehen haben. Die Arbeit des kanadischen Soziologen Doug Saunders mit dem Titel Arrival City hat zumindest das Zeug, einen Denkwechsel hinsichtlich der globalen Urbanisierung anzustoßen.

Seinen sich auf über fünfhundert Seiten erstreckenden Ausführungen stellt Saunders die schlichte Erkenntnis voran, dass Urbanisierung historisch immer einhergeht mit Zivilisation und dass der Weg vom Land in die Stadt ebenso immer in der Tendenz eine Verbesserung der Lebensverhältnisse derer mit sich bringt, die sich zu diesem Schritt entschlossen haben. Das Leben in schnell anschwellenden Megastädten ist gekennzeichnet durch informelle, strukturarme, aber hoch effiziente und produktive Netzwerke, die den Impuls zu Innovation in sich tragen. Das Provisorium wird somit zum Vorhof der Revolutionierung von Gesellschaften.

Dadurch, dass Saunders sich etliche Arrival Citys, und zwar kontinental wie auch historisch anschaut und betroffene Zeitzeugen erzählen lässt, bevor er zum analytischen Teil ansetzt, macht er das Kompendium lesbar und spannend. Und ihm gelingt es sehr plausibel nachzuweisen, dass sich in den informellen Gürteln der Megastädte Ordnung und Chaos gegenüberstehen. Die allzu rigiden Versuche, das Informelle und Provisorische zu illegalisieren und die Planierraupen sprechen zu lassen, führt in der Regel zum Lynchen der kreativen Potenziale. Die Antwort mit reinen städtebaulichen Maßnahmen entreißt den Kreativen die notwendigen Räume, modifiziert die Zonen der Chance zu Silos der Tatenlosigkeit und Sozialverwaltung und stimuliert sie dadurch erst recht zu Problemzonen.

Das lange und bis heute vor allem gepflegte Diktum, man müsse durch Strategien, die die Lebensbedingungen auf dem Land verbessern, dem Drang in die Städte den Boden entziehen, entpuppt sich als ein ideologisches Dogma, das gegen die Abstimmung der Weltbevölkerung mit den Füßen steht. Hoch interessant ist der Vergleich des Umgangs mit den Arrival Citys in den USA, Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien, der deutlich macht, warum Asien der aufstrebende Erdteil ist und der klassische Westen zumindest zu den stagnierenden Kontinenten gehört.

Bis hin zu den ersten erfolgreichen Biographien aus den Arrival Citys, z.B. dem ehemaligen brasilianischen „Lula“ da Silva und dem Ministerpräsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, handelt es sich um ein ungemein spannendes Buch, das vieles in Frage stellt, was im Westen hinsichtlich der globalen Urbanisierung als gesetzt galt.