Archiv für den Monat Januar 2012

Der Flaneur der Passagen

Cees Nooteboom. Schiffstagebuch

Der 1933 geborene Niederländer Cees Nooteboom wird häufig als Reiseschriftsteller bezeichnet, was ihn zu Unrecht auf ein Genre reduziert und seine Romane ausblendet. Dennoch ist Nooteboom ohne seine Reisen nicht denkbar, zahlreiche Veröffentlichungen beziehen sich auf diese von ihm lebenslang verfolgte Passion. Die Assoziation, die der Begriff Reisebericht hervorruft, ist allerdings nicht geeignet, Nootebooms literarisch nacherlebte eigene Reisen zu beschreiben. Dort geht es nicht um Impressionen und leicht verdauliche Fakten ohne längere Wirkung, sondern Nooteboom, der schon als junger Mann als Tramp auf der Flucht vor dem Dogma war und bis heute alle Weltmeere bereist hat, liest die sich ihm darbietende Welt mit dem Hunger des sich Bildenden und dem gewaltigen Assoziationspotenzial eines Weltbürgers.

Mit Schiffstagebuch ist eine weitere Sammlung über Nootebooms ungewöhnliche Reisen erschienen. Der Titel bezieht sich auf zwei Unternehmungen, der Rest ist mal mit dem Schiff, mal mit dem Flugzeug, doch zumeist liegen die Ziele am Wasser. In insgesamt sieben Berichten, die zuweilen als Traktate und zuweilen als Reflexionen zu lesen sind, schildert Nooteboom seine Bewegung vom Kap Hoorn nach Montevideo, wird Zeuge der Rituale und der hinter ihr stehenden kalten Ökonomie am Ganges, berichtet über ein niederländisches Kriegsdrama aus Broome, dem tropischen Teil Australiens, durchwatet die blutigen Plätze im Herzen Mexikos, schippert sich wie ein Inselhopper von Mauritius bis in die alten Hochburgen der Buren in Südafrika, steuert die selbst von der Temperatur zutreffenden Requisiten des Kalten Krieges auf Spitzbergen an und erkennt in einer Art post-kolonialem Trauma des Kolonisten auf Bali die spirituelle Dimension der Unterlegenen.

Folgt man den Ausführungen Nootebooms, so ist die historische Dechiffrierung dessen, was sich vor einem auftürmt stets eine gewaltige Leistung des Historikers, der sich mit den Fakten nicht begnügt, sondern sie nur begreift als Mittel, um philosophisch zu deuten. Dabei gelingt es ihm, nicht mit der Attitüde des Welterklärers zu langweilen, sondern er vermittelt sehr wohl die Mühen dieses Prozesses. Das Privileg des Reisens selbst wird durchaus begriffen, der Preis und die freie Entscheidung dazu ohne großes pädagogisches Zeremoniell sachlich benannt.

Cees Nooteboom kann nur in einem Atemzug mit dem Briten Bruce Chatwin oder dem Polen Ryszard Kapuscinski genant werden, die ihrerseits die Tiefe und Dimension besaßen, um die fremden Welten in Bezüge zu setzen, die sie verständlich machen. Nootebooms Exklusivität geht in einem Punkt über die Genannten hinaus, seine Texte sind die Logbücher des philosophischen Flaneurs der Moderne, wie Walter Benjamin ihn als Modell in seinem Werk über die Pariser Passagen entwickelte. Die kritische Reflexion selbst und libertäre Assoziation sind bei ihm die wesentlichen Werkzeuge eines Erkenntnisprozesses, der weit über das hinaus geht, was selbst gute Reiseliteratur zu vermitteln in der Lage ist.

Despotie mit Volksanteilen

Als es Helmut Kohl im Jahre 1982 gelang, die zehnjährige Dominanz der Sozialdemokratie in der Regierungsführung abzulösen, sprach er von einer notwendigen geistig-moralischen Wende. Er meinte damit die Abkehr von einer über Gerechtigkeitsfragen gesteuerte Politik, die ihrerseits von den organisierten Interessen einer Arbeitnehmerschaft beeinflusst wurde, die ihrerseits vom Aussterben bedroht war. Die Sozialdemokratie hatte mit der Idolfigur Willy Brandts bereits 13 Jahre vorher den Eintritt in die Regierungsführung vollzogen und war eine Antwort auf das verstaubte, dialogunfähige Weltbild der Adenauer-Ära gewesen. Während der Regierungen Brandt und Schmidt, die sich mit einer außerparlamentarischen Blockbildung hatten auseinandersetzen müssen, war eine Ideologisierung der Politik festzustellen gewesen, die tatsächlich vieles in die Sackgasse trieb.

Das Interessante an den Folgejahrzehnten der Politik in Deutschland war eine relative Unabhängigkeit des Zeitgeistes von der konkreten Regierungsführung. Die Entwicklung einer durchaus positiven ökologischen Hermeneutik zu einem Dogma, das gegenwärtig aussieht wie der große Entwurf zur Gegenaufklärung, vollzog sich während der Regierungen Kohl wie Merkel in ungebremstem Tempo, genauso wie sich die Politik der militärischen Intervention ohne Bedrohung der eigenen Grenzen oder der staatlichen Beteiligung an spekulativen Finanzgeschäften unter Rot-Grün bestens entfalten konnte.

Der Wirkungsmechanismus derartiger scheinbarer Absurditäten ist allerdings nicht neu. Ohne Sozialdemokratie sind militärische Interventionen noch nie möglich gewesen, wie eine vehemente Sozialgesetzgebung nicht ohne bürgerliche Regierungen zu denken ist. Erst die Bindung der jeweiligen Massenbasis erlaubt es, das zu tun, was notwendig, aber programmatisch nicht populär ist.

Auffallend bei der Betrachtung der bundesrepublikanischen Politikentwicklung der letzten vierzig Jahre ist jedoch, dass wir es mit einer kontinuierlichen Regression des Freiheitsgedankens zu tun haben. Das alte demokratische Diktum, das Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit ebenso ist wie das Recht, sich zu entscheiden, ist kontinuierlich einer Vorstellung gewichen, dass Politik und die aus ihr resultierenden Gesetze und Regelungen die Entscheidung bereits zu antizipieren haben. Die Motivlagen sind zwar unterschiedlich, d.h. sowohl Rot als auch Grün gehen von einer gouvernantenhaften, fürsorglichen Überlegung gegenüber ihrem Klientel aus, während sich die Konservativen zumeist von ordnungspolitischen Erwägungen leiten lassen.

Im Ergebnis stehen wir vor einem zunehmend unübersichtlichen Sammelsurium von Staatsinterventionismus, bei der das eine Gesetz die Auswirkungen des anderen auffangen soll. Folge ist die zunehmende Bedeutung der Bürokratie, die sich ihrerseits wiederum als interessante Massenbasis für die Parteien anbietet und wovon gegenwärtig die Sozialdemokratie am meisten profitiert, obwohl die radikalste Vertreterin des Aufbaus einer zentralistischen Bürokratie zweifelsohne die ostdeutsche Frau Merkel ist.

Auf der anderen Seite dieser Linie befindet sich eine Bevölkerung, die diverser und von ihrer kulturellen Dimension komplexer geworden ist, aber dennoch keinen demokratischen Reflex entwickeln konnte. Die nicht zu leugnenden despotischen Anteile der Politik und Gesellschaftsgestaltung stoßen auf keinen Impuls der Ablehnung. Maßnahmen der Regierung, die im benachbarten Europa zu Volksaufständen führen, werden hier entweder bei Bier und Nüssen phlegmatisch kommentiert oder von einer im Prekariat dahin vegetierenden Intellektuellenschicht als spannend bezeichnet. Der Grad der Befriedung lässt sich wohl am besten daran ablesen, mit welcher Arroganz gegenwärtig die Revolten in der arabischen Welt kommentiert werden, während im eigenen Land Enthüllungen über die Käuflichkeit von Amtsträgern bekannt werden, ohne das der Aufstand entflammt.

Zum Nutzen von Havarien

Wie oft beklagen wir den Verlust von Philosophien oder Doktrinen, die das Handeln in unserer komplexen Welt leiten und erklären könnten. Fast ist es zu einem Gesellschaftsspiel geworden, den jeweils anderen Mitspielern im Weltgeschehen vorzuwerfen, sie besäßen kein Koordinatensystem oder sie beriefen sich auf eines, das einfach nur monothematisch ist und die Welt unzulässig vereinfacht. Grund für die Misere ist sicherlich die wachsende Komplexität unserer Welt, die einher geht mit der Interdependenz von Wirkungszusammenhängen. Eine andere Erklärung ist der nachlassende Versuch, sich dieser Komplexität auch theoretisch zu stellen. Und die erodierende Bildung derer, die mit Macht ausgestattet sind, trägt auch nicht unerheblich zu dem Missstand bei.

Durchblättert man die Journale auf ihre Schlagzeilen, so stellt man sehr schnell fest, dass neben der Abarbeitung an Verhaltensweisen einzelner Individuen, die einer moralischen Standortbestimmung dienen, Havarien in immer kürzeren Abständen die Berichterstattung bestimmen. Diese dringen nicht nur vermehrt in unser Bewusstsein vor, weil wir durch die Weltverkleinerung schnell davon erfahren, sie scheinen sich auch bei der Aktionsverdichtung zu häufen. Die Funktion der Berichterstattung ist neben dem vermarkteten Fühlkino aber auch eine andere.

Die Havarie des Passagierschiffes Costa Concordia vor der italienischen Küste ist nicht nur ein Paradebeispiel dafür, wie ein komplexes System scheitern kann, sondern sie eignet sich auch für die kritische Reflexion des komplexen Systems selbst. Angefangen bei der Persönlichkeit des Kapitäns, der mit seiner strikt hierarchischen, paramilitärischen Macht eine besondere, extreme Verantwortung trägt und dessen Persönlichkeit neben Fähigkeiten und Fertigkeiten exorbitante Wesensmerkmal in Charakter und Festigkeit besitzen muss. Des Weiteren sind die Notsysteme, sprich das Krisenmanagement, kritisch zu hinterfragen, und unter dem Aspekt zu betrachten, inwieweit die Hypothesen einen realistischen Charakter hatten. Und es stellt sich die Frage, ob der Doppelcharakter von Illusionstheater á la Traumschiff, letztendlich der Marktwert der Unternehmung, und technisch-nautische Komplexität in der gegenwärtigen Organisationsstruktur miteinander vereinbar sind. Der Umgang mit der Katastrophe selbst lässt wieder Erkenntnisse über den Inszenierungscharakter der Medien selbst zu.

Die Erörterung solcher und analoger Fragen ist nicht nur spannend und von einer Sensationsaffinität gespeist, sondern sie ermöglicht auch das, was die als zu dürftig betrachteten Theorien und Erklärungsmuster nicht mehr bieten. Die Interpretationsübung an einem konkreten Fall nähert sich der Komplexität des Systems in hohem Maße und lässt Rückschlüsse zu, die sich als Module einer Theorie formulieren lassen. Darin besteht Charme und Nutzen von Havarien. Bei aller Tragik tragen sie in hohem Maße zur Welterklärung bei und verdeutlichen, wie die gegenwärtigen Funktionsmechanismen der Organisation auf den Alltag wirken.