Wie oft beklagen wir den Verlust von Philosophien oder Doktrinen, die das Handeln in unserer komplexen Welt leiten und erklären könnten. Fast ist es zu einem Gesellschaftsspiel geworden, den jeweils anderen Mitspielern im Weltgeschehen vorzuwerfen, sie besäßen kein Koordinatensystem oder sie beriefen sich auf eines, das einfach nur monothematisch ist und die Welt unzulässig vereinfacht. Grund für die Misere ist sicherlich die wachsende Komplexität unserer Welt, die einher geht mit der Interdependenz von Wirkungszusammenhängen. Eine andere Erklärung ist der nachlassende Versuch, sich dieser Komplexität auch theoretisch zu stellen. Und die erodierende Bildung derer, die mit Macht ausgestattet sind, trägt auch nicht unerheblich zu dem Missstand bei.
Durchblättert man die Journale auf ihre Schlagzeilen, so stellt man sehr schnell fest, dass neben der Abarbeitung an Verhaltensweisen einzelner Individuen, die einer moralischen Standortbestimmung dienen, Havarien in immer kürzeren Abständen die Berichterstattung bestimmen. Diese dringen nicht nur vermehrt in unser Bewusstsein vor, weil wir durch die Weltverkleinerung schnell davon erfahren, sie scheinen sich auch bei der Aktionsverdichtung zu häufen. Die Funktion der Berichterstattung ist neben dem vermarkteten Fühlkino aber auch eine andere.
Die Havarie des Passagierschiffes Costa Concordia vor der italienischen Küste ist nicht nur ein Paradebeispiel dafür, wie ein komplexes System scheitern kann, sondern sie eignet sich auch für die kritische Reflexion des komplexen Systems selbst. Angefangen bei der Persönlichkeit des Kapitäns, der mit seiner strikt hierarchischen, paramilitärischen Macht eine besondere, extreme Verantwortung trägt und dessen Persönlichkeit neben Fähigkeiten und Fertigkeiten exorbitante Wesensmerkmal in Charakter und Festigkeit besitzen muss. Des Weiteren sind die Notsysteme, sprich das Krisenmanagement, kritisch zu hinterfragen, und unter dem Aspekt zu betrachten, inwieweit die Hypothesen einen realistischen Charakter hatten. Und es stellt sich die Frage, ob der Doppelcharakter von Illusionstheater á la Traumschiff, letztendlich der Marktwert der Unternehmung, und technisch-nautische Komplexität in der gegenwärtigen Organisationsstruktur miteinander vereinbar sind. Der Umgang mit der Katastrophe selbst lässt wieder Erkenntnisse über den Inszenierungscharakter der Medien selbst zu.
Die Erörterung solcher und analoger Fragen ist nicht nur spannend und von einer Sensationsaffinität gespeist, sondern sie ermöglicht auch das, was die als zu dürftig betrachteten Theorien und Erklärungsmuster nicht mehr bieten. Die Interpretationsübung an einem konkreten Fall nähert sich der Komplexität des Systems in hohem Maße und lässt Rückschlüsse zu, die sich als Module einer Theorie formulieren lassen. Darin besteht Charme und Nutzen von Havarien. Bei aller Tragik tragen sie in hohem Maße zur Welterklärung bei und verdeutlichen, wie die gegenwärtigen Funktionsmechanismen der Organisation auf den Alltag wirken.
