Muhammad Ali zum Siebzigsten!

Wenn morgens um Zwei die Tür zu meinem Zimmer aufging und mein Vater rief, Aufstehen, es geht gleich los, dann war sicher, dass es eine jener unvergesslichen Nächte wurde, die mir bis heute nicht aus dem Gedächtnis gegangen sind. Dann boxte der Größte, wie er sich nannte, der mit bürgerlichem Namen, Cassius Clay, noch das Stigma der Sklaverei mit sich herum trug, ehe er die westliche Welt mit seinem Bekenntnis zum Islam schockte und als Muhammad Ali den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte. Dafür bezahlte er mit seinem ersten Weltmeistertitel, den man ihm aberkannte. Aber er holte sich diesen Gürtel noch zweimal zurück und brach damit eherne Gesetze.

Wenn wir dann vor dem Fernseher saßen, kam keine archaische Version des Boxsports zu uns, sondern die Exzentrik der Moderne aus dem fernen New Yorker Madison Square Garden direkt in unsere Kleistadt im Ruhrgebiet. Ich kenne keinen Jungen meiner Generation, der nicht begeistert war von diesem Boxer, der rebellierte wie kaum ein anderer und eine derartige Überlegenheit ausstrahlte. Muhammad Ali, das begriffen zunächst nur wenige, war der Vietcong des Boxsports, er beherrschte die Fähigkeit, sich in Denkweise wie Bewegungsabläufe seiner Gegner hineinzudenken und in der Manier eines Guerilleros zu kontern. Man könnte die Kampftaktiken des späteren Ali, als er schon lange nicht mehr juvenil um seine Gegner herumtanzte und nach dem Slogan Fly like a buttefly and sting like a bee vorging, mit Sätzen Ho Chi Minhs kommentieren, die da sagten, wenn unser Gegner stark und ausgeruht ist, ziehen wir uns in die Wälder zurück; ist er nach langem Marsch erschöpft und schlecht aufgestellt, dann greifen wir an. Der größte, bewegendste und brutalste Kampf des 20. Jahrhunderts, das Duell gegen George Foreman in Kinshasa, war der Beleg für dieses Konzept. Ali ließ sich neun Runden lang vom stärksten Mann der Welt verdreschen, demoralisierte ihn währenddessen verbal und setzte wie aus dem Nichts den tödlichen Schlag.

Muhammad Ali, der Outcast, der mit seinen eigenen, rezitierten Versen beim Wiegen den Rap erfand und kultivierte, der seiner Zeit um Lichtjahre voraus war und einer ganzen Generation den Mut vermittelte, sich nicht zu beugen, war eine Identifikationsfigur mit hoher ästhetischer Qualität. Er faszinierte über Bildungsgrenzen hinaus, nicht nur, weil er ein Meister seines Handwerks war, sondern auch, weil er den einzigen Überlebenstypus vorgezeichnet hat, den es noch gibt. Den Preis, den er dafür zahlte, nahm er im Gestus eines Gentleman entgegen, der um den Einsatz wusste.

Erst kürzlich schrieb mir ein Klassenkamerad aus jenen Tagen, den ich nach Jahrzehnten wieder entdeckte, dass er vor ein paar Jahren in einer Hotelhalle in Atlantic City war, als plötzlich alles verstummte und alle Anwesenden das Gefühl hatten, dass etwas Außergewöhnliches passierte, bis er feststellte, dass Muhammad Ali soeben den Saal betreten hatte und sich alle erhoben und applaudierten. Bis zum heutigen Tag gehen von diesem Prototyp der Rebellion ein Charisma und eine Magie aus, die nur schwer zu erklären sind.

Heute Nacht, zu Ehren seines 70. Geburtstages, habe ich die Lichter brennen lassen, wie zu der Zeit, als er in den Morgenstunden europäischer Zeit boxte. Damals brannten alle Lichter in unserer Straße. Das ist heute nicht mehr der Fall.