Appellative Vernetzung und tatsächliche Kooperation

Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen tatsächlich funktionierenden Strukturen und der Intensität ihrer Formalisierung. Eine Organisation oder soziale Beziehungen, die gut funktionieren, machen relativ wenig Aufwand um die Beschreibung dessen, was notwendig ist. Auf der anderen Seite trifft man immer wieder auf soziale Zusammenhänge, die mit immensem Aufwand formulieren, worum es ihnen geht und wie sie operieren möchten. Eine Erscheinung, an der sich ein strukturelles Defizit auf der einen und ein extrem hoher propagandistischer Aufwand auf der anderen Seite zeigen lassen, kann unter dem Stichwort der Vernetzung zusammengefasst werden.

Die Kooperation, sprich das Zusammenwirken und die Zusammenarbeit von Menschen, ist in komplexen und komplizierten Kontexten eine Selbstverständlichkeit. Wäre das nicht so, könnten wir von dem Axiom abrücken, der Mensch sei ein soziales Wesen. Aber, so wie es scheint, ist diese Selbstverständlichkeit aus der tatsächlichen Lebenspraxis weitgehend verschwunden, weil die Thematisierung der Vernetzung und Kooperation den größeren Raum einnimmt im Vergleich zu den praktischen Konsequenzen des lauten Appells. Es fällt auf, dass die Propagierung der Vernetzung die tatsächlich notwendige Vernetzung überdeckt. Formal werden die elaboriertesten Pläne erstellt, tatsächlich aber werden sie nicht gelebt. Somit unterliegt die Forderung nach Vernetzung und Kooperation dem klassischen Schicksal des Doppelcharakters.

Zum einen beschreibt die Forderung das tatsächliche Erleben eines Defizits, denn die Einsicht, existenziell ein soziales Wesen zu sein, das in einer komplexen Welt agiert, ist bei den Menschen immer noch weit verbreitet. Zum anderen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse mit ihrer post-heroischen Dimension das sozial-verträglich Assoziative kaum noch zulässt. Die durch einen konsumtiven Individualismus betriebene Egomanie hat sich längst Bahn gebrochen und der Appell zu Vernetzung und Kooperation mutet nicht selten an wie die romantische Sehnsucht nach den guten alten Zeiten.

Schlimm bis unerträglich wird es, wenn unter der Chiffre der Zusammenarbeit ein potemkinsches Dorf errichtet wird, um die Sehnsucht nach Kooperation zu täuschen. Obwohl zunehmend formale Strukturen das Kooperative zu sichern suchen, sind sie oft nur Fassade des billigsten Individualismus und eine Verbrämung von partikularen Interessen.

Wie so oft – und vor allem im Bereich der Kommunikation, der analoge Phänomene aufweist – empfiehlt sich auch hier, nach der tatsächlich praktischen Konsequenz der formalen Vorgabe zu fragen. Vernetzung als formales Diktum ersetzt noch lange nicht den tatsächlichen sozialen Kontakt und den Prozess einer tief greifenden Verständigung. Dazu wiederum gehören beträchtliche Anteile aus den Größenordnungen Respekt und Empathie, die der individualisierten Egomanie mit ihrem Manierismus und ihrer Eitelkeit völlig abgehen. Meist ist nicht drin, was draufsteht.