Helter Skelter in der Republik

Vermeintliche Kreditgeschäfte per Handschlag, aber doch über Telefon, Kriegsdrohungen auf den AB, Urlaubsreisen auf Kosten von Superreichen. Erscheinungen aus den Geschäftsgebaren und der Lebensführung eines Präsidenten. Ehrlich gesagt, ist die ganze Aufregung unverständlich, wenn man sich die Präsidenten und ihren Habitus im internationalen Vergleich ansieht. Den Sozialisten Mitterand in Frankreich nannte sein eigenes Volk gar Le Dieu, den Gott, weil alles, was er wollte, geschah oder geschehen gemacht wurde und keiner diesem zu widersprechen wagte. Auch in jüngerer Zeit tat sich ein Sarkozy durch machtpolitische Extravaganz hervor und sein italienisches Pendant Berlusconi ließ die Laszivität der politischen Macht der Renaissance wieder aufblitzen. Und nun, im Land der teutonischen Tugenden, beginnt man an einem Präsidenten zu mäkeln, der wegen eines kleinen Hauskredites ins Schlingern geriet? Das ist provinziell und engstirnig und weit entfernt von einer radikalen, demokratischen Kritik.

Vielleicht, so könnte man denken, hat sich dieser deutsche Michel im Schloss Bellevue einfach in der Dimension vertan. Da fängt die Journaille an zu krähen, weil er Dinge gemacht hat, wie sie dir und mir unterlaufen könnten, mit unserer kleinbürgerlichen Vorstellung von Ordnung und Moral. Und dass das so ist, das können wir dem Dutzendmenschen nicht verzeihen. Wenn wir, die ewigen Weltmeister, in welchen Disziplinen auch immer, den Hammer herausholen, dann muss das doch richtig krachen. Ein Zumwinkel, der aus der guten alten Deutschen Post einen Weltkonzern gemacht hat, der wusste, was sich gehört. Der hat die Tresore aufgebrochen und mit Haltung seine Taschen gefüllt. Wer dagegen unterm Tisch mogelt, ist ein kleinkarierter Betrüger, den wir nicht wollen. Da haben wir mehr verdient!

Und die Moralapostel, die jetzt sich echauffieren über den tumben Wüstling aus der flachen Provinz, die sind noch schlimmer als Die Glocke, Die Volkszeitung, Die Stimme und wie sie noch alle heißen, die Käseblätter, die nur in einem Weltniveau besitzen: In der Herstellung elender Langeweile und die es vielleicht noch vermögen, phantasievolle junge Leute ins unfreiwillige Exil zu treiben. Nein, liebe Landsleute, das präsidial-mediale Intermezzo zwischen den Jahren legt kein gutes Zeugnis ab über den Zustand dieser Republik. Vielmehr erhält man den Eindruck, als sei ein babylonisches Fanal entfacht worden, in dem alle durcheinanderschreien und sich der Unzucht bezichtigen.

Böse Zeitgenossen schwadronieren in dieser nahezu unerträglichen Kakophonie zunehmend von einer Erosion der Werte. Falsch liegen sie da nicht, obwohl es klug wäre, nicht allzu optimistisch mit der Situation umzugehen. Denn es ist deutlich, dass die alten Werte nicht mehr gelten. Und die neuen, die sind noch nicht so genau ablesbar. Darin scheint ein Problem zu liegen, das macht die Diskussion aber auch so fruchtlos. Nur, wenn man weiß, wohin die Reise geht, lohnt es sich bekanntlich, sich über den Weg zu streiten. Wer aber keine Vorstellung von der Zukunft hat, der stochert bekanntlich ziellos im Nebel. Insofern hat jenes geflügelte Wort Ödon von Horvaths gegenwärtig eine sehr hohe Valenz: Ich gehe, und weiß nicht wohin, mich wundert, warum ich so fröhlich bin!