Veränderungsprozesse bringen vieles mit sich. Neben der Hoffnung auf eine bessere Zukunft beinhalten sie genauso große Kontingente an Angst und Verdruss. Diejenigen, die im Status Quo gut gelebt und sich eingerichtet haben, sind selten von Veränderungen begeistert. Dennoch gebietet ihnen ihre Intelligenz, sich aktiv in den Umgestaltungsprozess einzubringen, sobald sie erkannt haben, dass die Veränderung an sich nicht verhindert oder aufgehalten werden kann. Dann versuchen sie, an strategisch wichtige Stellen zu geraten, um dem Prozess ihre Handschrift mit ausdrücken zu können. Nicht selten ist das dann etwas, das man am besten Camouflage nennt, weil die Etiketten neu, der Inhalt jedoch alt ist.
Handfeste Interessen sind in der Regel das Motiv für die Intervention der alten Eliten oder der alten Denkweise. Zumeist vertreten Revolutionen und Veränderungen große Ideale, die, nach ihren Triebmomenten seziert, ebenfalls sehr handfeste Ziele verfolgen. Die Geschichtsbücher sind voll davon und es wäre töricht, dieses zu leugnen. Die neue Epoche jedoch, die sich hinter den Slogans der Revolution verbirgt, hat nur dann eine Chance auf Bestand, wenn sie eine logische Konsistenz zwischen dem Ideal als Leitmotiv und den materiellen Interessen ihrer Betreiber aufweist. Wenn diese verloren geht, verliert die Avantgarde der Veränderung ihre Massenbasis. Dann schlägt zumeist die Stunde des Terrors, um die neu gewonnene Macht zu erhalten.
Das Ideal der Veränderung ist jedoch der Treibstoff, der nur dann seiner Zweckbestimmung folgt, wenn das Modell seiner Fortbewegung deutlich und als Denkmodell angewendet und akzeptiert wird. Viele Begriffe aus dem Wörterbuch der alten sozialen Beziehungen besitzen einen Sinn, der genau den Beziehungen entspricht, aus denen sie erwachsen sind. Danach ist es eine Überlebensfrage der Umgestaltung, nicht nur neue Begrifflichkeiten, die den gestalteten Verhältnissen entsprechen, zu schaffen, sondern deren Semantik erlebbar zu machen. Gewinnen kann die Veränderung nur mit Sinnstiftung und Plausibilität. Verlieren nur mit absurden Metaphern und Sinngebungen, die aufgrund der realen Verhältnisse und deren Inkongruenz zu jenen nur zu Zynismus und Ablehnung einladen.
Die Technokratie als Denkmuster ist dazu geneigt, den Prozess der semantischen Gestaltung der Veränderung zu unterschätzen. Sie vertraut den Instrumenten, sprich den Hebeln der Macht und verliert allzu schnell die sozialen Motive aus den Augen. Die Romantiker der Revolution verfallen in der Regel dem Gegenteil: Sie kreieren eine gewaltige, betörende Poesie der Veränderung und unterschätzen die Notwendigkeit, sich um die kleinen, als störend empfundenen technischen Details zu kümmern. Auch sie versinken in der Geschichtsablage, wenn sie den Prozess exklusiv dominieren.
Positive, geglückte Veränderungsprozesse sollten vor allem dazu animieren, ihre Konsistenz zu studieren und die Frage zu stellen, welche Faktoren dazu beigetragen haben, den Prozess erfolgreich zu machen. Oft ist es nur ein kurzer Augenblick, in dem deutlich wird, wie, durch welche kongenialen Momente auch herbeigeführt, die dualen Erfolgsmechanismen ineinander greifen. Wenn nämlich eine Konsistenz von semantischer Schöpfung und technischer Realisierung zustande kommt. Das sind dann die glücklichen Stunden des Wandels, oder, um es anders auszudrücken, die einzigen, die als die erfolgreichen in die Annalen eingehen werden. Denn die Eingleisigkeit der Technokratie führt zu Gewaltherrschaft, die des Ideals zur ideologischen Diktatur. Beide Muster sind nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu kombinieren, um aus dem Wandel eine Erfolgsstory zu machen.

Hallo lieber Herr Mersmann,
ich wollte Sie schon längst mal grüßen, aber, ob Sie glauben oder nicht, mein Buch über Veränderungen hält mich in der Freizeit noch komplett in Schach, weil es immer wieder eine neue Gestalt einen neuen Schwerpunkt annimmt. Ich glaube, Sie können das nachvollziehen…. 😉 so sind sie eben, die Veränderungen. Ihren Text empfand ich aber nochmal als eine sehr gute Anregung. Danke!
Herzliche Grüße
Christine Weiner, Mannheim