Moncef Marzouki, der gegenwärtige Präsident Tunesiens, residiert in dem Palast seines Vorgängers Ben Ali im Nobelvorort Karthago. Dort, wo sich die Weltgeschichte in sichtbaren Schichten übereinander gelagert hat, werden auch die Weichen des nach-revolutionären Tunesiens gestellt werden. Präsident Marzouki wäre gut beraten, wenn er seinen Palast von Zeit zu Zeit verließe und einen kleinen Spaziergang vom Hügel nach unten zu unternehmen. Dann würde ihm bewusst, wie schön und gleichzeitig vergänglich die Welt doch ist. An kaum einem anderen Ort als in Karthago wird einem dieses so deutlich gemacht. Die einzigartige Lage am Golf von Tunis, seinerseits gezeichnet von den Ausläufern des Atlas, nach Westen durch eine Lagune und nach Osten durch einen mit dem Meer verbundenen Salzsee begrenzt, verdeutlicht das strategische Denken der Phönizier, die hier siedelten und die Numiden vertrieben, um ihre maritime Herrschaft über das Mittelmeer zu festigen.
Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, jenes, gleich einem Mantra vorgetragene Bekenntnis Catos, überzeugte die römischen Senatoren letztendlich doch und sorgte dafür, das Karthago im Jahr 146 vor Christus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auf seinen Ruinen entstand die von der Zivilisation des Imperiums zeugende Architektur Roms, um ihrerseits wieder von den Byzantinern zerstört zu werden, deren Wiederaufbau seinerseits von den Arabern zunichte gemacht wurde und deren Zeugnisse durch den französischen Kolonialismus überbaut wurden, der seinerseits seine Ablösung durch das post-koloniale Tunesien erfahren musste. Das alles nahm jeweils mehrere Jahrhunderte in Anspruch und ist auf dichtem Raum, manchmal auf wenigen Metern, in seiner ganzen kulturhistorischen Bedeutung zu dechiffrieren.
Der Spaziergang durch Karthago täte aber nicht nur Präsident Marzouki gut, dem aufgrund seiner Vita zuzutrauen ist, dass er das alles sehr gut weiß, und dem dann nur ein wenig Lebensfreude und Erholung von seinem schweren Amt gegönnt sein soll, sondern vielleicht käme auch denen, die aus den so genannten Metropolen dieser Welt über Tunesien berichten, der ein oder andere Gedanke über die Historizität von Ereignissen, über die Dimension epochaler Zeitläufe und die tatsächliche Halbwertzeit der Sensation. Denn eine Stätte wie Karthago beflügelt die Erkenntnis über die Nichtigkeit des einzelnen Individuums im weltgeschichtlichen Ablauf und die Vergänglichkeit selbst der größten Imperien. Ein Spaziergang durch das heutige Karthago ist eine Referenz an die Notwendigkeit des historischen Bewusstseins.
Die aus den Wahlen hervorgegangene Regierung hat den Auftrag, innerhalb eines Jahres eine Verfassung zu erarbeiten, auf deren Grundlage die ersten freien, gleichen und geheimen Wahlen durchgeführt werden sollen. Und es ist zu vermuten, dass die verschiedenen größeren sozialen und politischen Gruppen des Landes sich nach einer Regierungsperiode werden ablösen wollen, um das Regierungshandwerk zu üben. Das wird mal islamisch-gemäßigt und ländlich und mal links und proletarisch-städtisch sein, und dann, nach zehn bis fünfzehn Jahren, wird eine Prognose erlaubt sein, wohin sich das Land bewegt. Und das alles wird unter der Regie der Tunesier stattfinden, die gut beraten sind, sich auf keine schnellen Lösungen zu kaprizieren, sich auf kein Instrumentarium aus der Aservatenkammer der westlichen Regierungslehre zu stürzen, sondern sich der Notwendigkeit zu verpflichten, die Erfahrungen selbst machen zu müssen. Im Moment spricht vieles dafür, dass sie so weise sind, diesen Weg gehen zu wollen.
