Arabische Totenschiffe und italienische Fischbäuche

Der neu gewählte tunesische Präsident, von Beruf Arzt und politisch eher der Linken zuzurechnen, ist mit der Botschaft an die Öffentlichkeit gegangen, dass die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger willkommen sind und das Land nicht verlassen sollen. 1967, bei Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges zwischen Israel und Ägypten, lebten 100.000 Jüdinnen und Juden in Tunesien, heute, nach weiteren vierzig Jahren des israelisch-palästinensischen Konfliktes, sind es noch 5.000. Diese leben zumeist als Geschäftsleute auf der Touristeninsel Djerba. Das Signal des ehemaligen Widerstandskämpfers und heutigen Präsidenten ist deutlich. Das neue Tunesien soll ein tolerantes sein.

Die Positionierung des Landes als attraktivem Wirtschaftsstandort wird eine große Herausforderung sein. Die vorhandenen Arbeitskräfte gelten gemeinhin als gut ausgebildet und sehr zuverlässig. Zukunftspläne hinsichtlich des Exports von Sonnenenergie liegen bereits in den internationalen Anwaltskanzleien und europäische Investoren scheinen nicht abgeneigt zu sein. Allerdings können diese Pläne nur funktionieren, wenn die europäischen Energiekartelle an ihren Mega-Infrastrukturen festhalten. Sollten sich verbrauchsabhängige und verbrauchsgeschneiderte Verbundsysteme in den Industrienationen durchsetzen, würde aus den großen Plänen nichts.

Dienstleistungen, in denen die gut ausgebildeten Jungen – 3 der insgesamt 10 Millionen Tunesier sind unter 18 Jahre alt – eine Perspektive fänden, sind nicht in Sicht. Bei ihnen wird der Patriotismus entscheidend sein. Mit ihren Voraussetzungen, die auf einer basalen akademischen Ausbildung und nahezu flächendeckender Mehrsprachigkeit beruhen, hätten sie auf den europäischen Arbeitsmärkten große Chancen. Die qualifizierte Workforce ist allerdings nicht die, die auf geheuerten Totenschiffen immer wieder auf der nur fünfzig Kilometer vor der tunesischen Küste liegenden sizilianischen Insel Lampedusa strandet. Dort handelt es sich zumeist um die weniger Gebildeten, dafür aber Risiko Bereiteren. Die Qualifizierten benötigen im eigenen Land dagegen Bescheidenheit und Geduld, keine juvenilen Attribute.

Monsieur Mahdi, einer der letzten großen Virtuosen der arabischen Rasur, seinerseits bekennender Muslim, erkundigt sich, wo Weihnachten gefeiert werden soll. Er empfiehlt Da Franco, ein italienisches Restaurant. Dort äße man hervorragend und die Weihnachtsmenüs seien legendär. Der sei ein bißchen verrückt, dieser Italiano, der stopfe Truthähne mit Gänseleber und fülle die Bäuche der Meeresfische so prall mit Kräutern, dass sie zu platzen drohten und seine Weine hätten das Aroma der heiligen Dreifaltigkeit. Da drängt sich, quasi als Randnotiz, die Frage auf, warum es immer die katholischen Italiener sind, die an jedem auch noch so entlegenen Flecken auf dieser Welt – wozu Tunesien selbstverständlich nicht zählt – die europäische Sinnlichkeit bedienen. Und die andere Frage, die ganz in den Kontext passt, gehört zu dem Motiv des bekennenden Muslim Mahdi. Ist es die pure Menschlichkeit, oder vielleicht doch die zumeist schlummernde, und manchmal geheime Solidarität der Monotheisten untereinander?

Unter diesem Aspekt ist die Frage der Konkordanz verschiedener, religionsbasierter Kulturen noch nicht beleuchtet worden. Im Nahen Osten war lange Zeit der Libanon ein gerne vorgezeigtes Beispiel für die Möglichkeit einträchtiger Koexistenz von Muslimen, Christen und Juden, den drei monotheistischen Religionen. Sie scheiterte allerdings in erster Linie an dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und der Instrumentalisierung verschiedener religiöser Gruppen durch benachbarte Staaten wie Syrien und Iran. Und das konkordante Gebilde im Libanon selbst, das bestimmte Strukturen der Staatsverwaltung und der Regierung einzelnen Religionsgruppen reservierte, war von der Idee her zu statisch und zu wenig vom Geist der Toleranz geprägt. Bei 95 Prozent Muslimen stellt sich die Frage einer Konkordanzdemokratie für Tunesien allerdings nicht.