Monsieur Hassim erzählt von seinem Sohn, der eine Mittelohrentzündung hatte. Ja, sagt er mit erschütterter Miene, das war eine schlimme Zeit. Monsieur Hassim nahm Urlaub, um seinem Sohn nahe zu sein. Aber nun, so berichtet er erleichtert, Alhamdullilah, haben wir das Schlimmste hinter uns gebracht. Herr Hassim erzählt, während er an seinem zuckersüßen, mit Pinienkernen veredelten Pfefferminztee schlürft, wie stolz die Tunesier sind, ihre Revolution gemacht zu haben. Wir waren die ersten, strahlt er, und wir waren friedlich. Uns ist es gelungen, aus der jahrzehntelangen Dunkelheit zu treten.
Viele, so lässt Monsieur Hassim weiter seine Gedanken über den belebten Platz schweifen, sind jetzt ohne Orientierung. Ewige Zeiten war es stockfinster, und jetzt plötzlich herrscht grelles Licht, daran müssen sich die Augen noch gewöhnen, viele sind noch blind und sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Wir brauchen noch mindestens zehn Jahre, bis wir hier ein neues, funktionierendes Regierungssystem gefunden und gefestigt haben, das den Namen Demokratie verdient. Und wir werden dabei unseren eigenen Weg gehen. Das braucht Zeit, aber was ist das schon, im Vergleich zu dem, was hinter uns liegt. Da, und nun wird Monsieur Hassim impulsiv, wundere ich mich schon, wie schnell man in der internationalen Presse unsere Chance als vertan darstellt, nur weil in einigen wenigen Monaten nicht alles geregelt ist. Europa hat zweihundert Jahre gebraucht, und uns gibt man nicht einmal ein Jahr?
Von der neuen Regierung, die erst im Oktober gewählt wurde, ist Monsieur Hassim angetan. Die erste Handlung war, drei Paläste des früheren Herrschers Ben Ali zu verkaufen. Das war schon einmal gut. Wir brauchen Geld für wichtigere Dinge als den Luxus. Und wir brauchen Zeit für eine gute Verfassung, da sind die geplanten zwei Jahre schon sehr ehrgeizig.
Während Monsieur Hassim seine Gedanken schweifen lässt, ruft der Muezzin laut und melodisch zum Mittagsgebet. Im Café lädt ein Mann seine junge Freundin zu einem Stück Kuchen ein, eine Mutter buchstabiert laut mit ihrem kleinen Sohn die Speisekarte und ein junger Mann liest, immer wieder von lautem Lachen unterbrochen, einen französischen Roman.
Natürlich, fährt Monsieur Hassim fort, bleiben da noch eine Menge Probleme. Die Jungen brauchen Geduld, wir haben viele gut ausgebildete Menschen, die dürfen nicht die Nerven verlieren und womöglich das Land verlassen. Wir werden sie hier benötigen, um unseren Traum zu erfüllen. Im Moment ist es ruhig im Land, trotz der Enttäuschung in den Städten über das Wahlergebnis, es drückt das aus, was im Volk vor sich geht. Und es gibt einen Konsens: Wir sind alle aufgewacht, und eine neue Diktatur wird es nicht geben.
Die Grenze zu Libyen ist das, was Monsieur Hassim zur Zeit am meisten beunruhigt. Libyen, so Hassim, ist ein ganz anderer Fall. Da geraten die verschiedenen Stämme an einander und Gaddafi hat das Land mit Waffen und mit Drogen in Schach gehalten. Zwischenzeitlich mussten wir ja aus Selbstschutz die Grenze schließen. Da kommen täglich Leute, die zum alten Regime gehören, und wollen ihre Kasse mit dem Verkauf von Waffen und Drogen aufbessern. Wir müssen wachsam bleiben, sagt Monsieur Hassim, lehrt seinen Tee, verbeugt sich würdevoll und verschwindet in der Menschenmenge.
