Ein Symbol für Tunis

Eine zweistündige Verspätung kann die fast ausschließlich tunesischen Passagiere auf dem Flug nach Tunis nicht aus der Ruhe bringen. Bis auf einen Expat, der glaubt, seine Zeit sei die teuerste der Welt, bleibt man gelassen. Alles geht seinen Weg und als das Flugzeug abhebt, ist alles in Ordnung. Nachdem der Flugkapitän sich für die Verspätung entschuldigt und allen einen guten Flug gewünscht hat, steckt er sich erstmal eine Zigarette an, aus seinem Cockpit dringt der Qualm bis zu den Passagieren. Nach nur zwei Stunden landet die Maschine in der winterlichen Abendsonne von Tunis. Noch auf dem Flughafen fällt auf, dass Europa zwar geographisch nicht weit, aber kulturell woanders liegt. Überall werden die Zigaretten entzündet und mit ausgelassener Ruhe werden die Prozeduren vollzogen.

Tunis hat das Erscheinungsbild einer typischen Metropole von Schwellenländern. Minarette und hohe Bürotürme leuchten in der frühen Nacht, Verkehrsstaus, wohin das Auge reicht, an den Verkehrstangenten unzählige Baumärkte. Die Stadt wirkt jung, blutjung. In Horden laufen die jungen Menschen herum und es scheint, als warteten sie auf etwas, dass passieren muss, obwohl sie wissen, dass sie keine Zeit haben. Da drängt sich schon eine Ahnung vom Biologismus der Revolution auf. Wer einer radikal verjüngten und sich stetig verjüngenden Bevölkerung das ausschließlich Statische bietet, spielt mit dem Feuer und ist irgendwann dem Untergang geweiht. Stabilität ist hier kein Wert an sich, Veränderung das, worauf alle hoffen. Umkehrschlüsse für Europa liegen auf der Hand, sind hier aber nicht das Thema.

Später, im Restaurant, tauchen Kellner in prachtvoll verschlissenen Kapitäns- und Admiralsjacken auf und ihre Ränge spiegeln die Ordnung in der gastronomischen Hierarchie wieder. Zu Tintenfischsalat und sautierter Leber spielt im Hintergrund ein Jazz Trio. Der Saxophonist hat einen guten Ton, das Repertoire klingt eigenwillig, orientalisch, obwohl die Musiker mit ihrer Spielweise verraten, dass sie auf eine lange Tradition des modernen Jazz zurückgreifen. Zum Schluss, als längst der zuckersüße Pfefferminztee auf dem Tisch steht, spielen sie Now Is The Time von Charlie Parker. Der Saxophonist, darauf angesprochen, lächelt dankbar, und erzählt, dass das seit einem Jahr sein Stück sei, wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit? Fragt er, und verströmt eine Aura von Glück.

Mannoubia Bouazizi, deren Sohn Mohammed sich vor gut einem Jahr verbrannte und damit die Revolution in Tunesien auslöste, steht mit einem Zitat in einer Zeitung, die auf dem Hotelzimmer liegt. „Mohammed musste viel leiden. Er arbeitete hart. Als er sich selbst anzündete, war das nicht wegen seiner Waage, die sie konfiszierten. Es war wegen seiner Würde.“ Die Polizei hatte dem jungen Akademiker, der in seinem Beruf keine Arbeit fand und als Straßenhändler Obst und Gemüse verkaufte, die Waage konfisziert und vor den Passanten ins Gesicht geschlagen.

Und Sayda Al-Manahe, deren Sohn Hilme während einer Protestaktion in Tunis am 13. Januar 2011 von der Polizei erschossen und am Tage von Ben Alis Flucht aus Tunesien zu Grabe getragen wurde, formuliert ihre Sicht der Dinge so: „Mein Sohn ist nun ein Symbol, ein Symbol für Tunis. Er gab sein Leben, damit wir die Freiheit bekamen.“