Auf dem Weg nach Tunis

Das Schöne an der Existenz ist die Relativität der Welt. Nichts, so können die unruhigen Geister feststellen, bleibt so, wie es war und nichts kehrt so zurück, wie es verlassen wurde. Selbst das so wahre, aber auch befremdende Sprichwort aus Frankreich, dass man immer wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehrt, ist nichts anderes als ein zur Realität erhobener Schein. Der Amerikaner Thomas Wolfe hatte es auf den Nenner gebracht: You can´t go home again hatte er seinen großen, fragmentarischen und gar nicht so gelungenen Roman genannt, damit aber eine Kernbotschaft formuliert, die den Mitgliedern dieser phänomenalen Siedlergesellschaft aus den Herzen sprach.

Das Phänomen, sich dessen sicher sein zu müssen, nicht mehr sicher sein zu können, die Tatsache, Attribute, die morgens gelten, am späten Abend schon nicht mehr verwenden zu können, hat die Menschen in Zustände versetzt, die als starr und heimatlos zugleich beschrieben werden müssen. Die Starre ist ein Festhalten an den vergangenen, fernen Welten, die längst versunken sind, aus denen viele aber eine Stabilität zu schöpfen glauben, die es ebenso wenig noch gibt. Und die Heimatlosigkeit ist das Fanal derer, die den Schein des Beständigen tausendmal durchschaut haben und daraus eine Schlussfolgerung gezogen haben, die unerträglicher nicht sein könnte. Denn die, die an nichts mehr glauben, sind nicht glücklicher als jene, welche sich falsche Gewissheiten wählen.

Hier, im selbst erkorenen Land der Weltmeister aller Art, von der Innovation bis zum Export, vom Fußball bis zur Ordnung, wähnt man sich in der Beständigkeit des Erfolges. Das Suggestive überstrahlt zuweilen das Subterrane, die unübersehbaren Tendenzen des Niedergangs durch Verzehr der Substanz werden ausgeblendet, die Philosophie des Gelingens in eigener Sache ignoriert den Elan anderer Kulturkreise und Lebenszusammenhänge, in der mehr Energie und Kraft dem Neuen gewidmet werden. Wehmut und Dekadenz sind die Attribute, die das Jetzt mehr treffen als alle Placebos, die das Großartige suggerieren.

Die Regionen dieser Welt, die man als rückständig und verschlafen wähnt, haben bereits zivilisatorische Sprünge vollzogen, die in ihrer Dimension alles Europäische weit übertreffen oder sie bereiten sich darauf vor, in Welten vorzustoßen, die bis dato zu den unvorstellbaren zu zählen sind. Es drängen sich Bilder auf, die in den Hochphasen der europäischen Aufklärung immer wieder bemüht wurden. Nur beschreiben sie dieses Mal die Europäer selbst, die durch das Neue überwältigt werden. Da sprach man von müden Riesen, die auf ihren Lagern schlummerten und von agilen Zwergen, die nächtens Berge versetzten. Heute wiese man den Riesen noch Sklerotisches zu, um ihre Schwäche zu verdeutlichen und den Zwergen akkumulierte Adrenalindepots, um ihrer wachsenden Agilität Ausdruck zu verleihen.

Angesichts dieser Betrachtungen ist es dann gar nicht mehr so verwunderlich, wenn man sich entscheidet, die friedlichen Tage des Jahres nicht im London der angelsächsischen Hütchenspieler und russischen Ölbarone verbringen zu wollen, sondern sich im milden Tunis mit den Shisha rauchenden Trägern einer Revolution auszutauschen, die mitten auf dem Weg zwar ratlos geworden sind, aber weder den Willen noch den Mut verloren haben.