Volkssport Massenkorruption

Es mutet schon reizend an, wenn man sich die Anstrengungen von Wirtschaftsbetrieben und Verwaltungen anschaut, die unternommen werden, um eine möglichst transparente und korruptionsfreie Entscheidungslandschaft zu dokumentieren. Nie waren die Regelungen strikter, nie war das Bewusstsein der Handelnden kritischer. Die berühmte Flasche Wein in der Vorweihnachtszeit nimmt kaum noch jemand an, aus den oft gut gemeinten Zuwendungen von zufriedenen Kunden oder dankbaren Bürgern werden Tombolas gemacht, deren Erlös einem gemeinnützigen Zweck zugeführt werden. Diese Entwicklung ist zwar etwas kalt von ihrer Philosophie und wahrscheinlich aus der Protestantisierung des aktuellen Kapitalismus zu erklären, aber sie ist natürlich auch löblich, weil die Grenzen zwischen sozialer Wärme und unbeherrschbaren Manipulationen fließend sind.

Interessant dagegen ist das Phänomen, wie im Großen, nämlich in der Politik, geradezu das Funktionsprinzip der Zuwendung an Klientel zum nahezu einzigen durchgängigen Handlungsmotiv geworden ist. Sind es bei den einen die Apotheker, Freiberufler und Hotelbesitzer, bei den anderen die Energiewirtschaft und die mittelständischen Betriebe, so sind es bei den anderen die Sozial- und Integrationsindustrie oder die über Geldwerte verfügenden Akademiker mit moralischem Verwertungsanspruch.

Die Partikularinteressen der verschiedenen Klientelgruppen stehen sich nicht selten unvereinbar gegenüber und sie verkörpern von den Grundbedürfnissen zunehmend zwei große Gruppen in der Bevölkerung, die zwar durchaus anders konturiert, aber von der Grundauffassung sich über das Staatswesen und seine Aufgaben einig sind. Da wundert es kaum, dass wir in den letzten Jahren immer wieder vor einem politischen Patt oder dem Stillstand stehen und wenn dieses nicht der Fall ist, dann verläuft die Politik nach dem Jojo-Effekt: Legislaturperiode A begünstigt das Klientel der einen, und Legislaturperiode B das Klientel der anderen Seite. Das Tragische daran ist allerdings der summarische Stillstand und die strategische Verarmung. Denn wer die Vertreter des Status Quo bedient, tut sich schwer, die Akteure der Zukunft zu identifizieren und zu deren Nutzen Weichen zu stellen.

Hinter dem ewigen Gezänke um die Verteilung der verflüssigbaren Ressourcen verbirgt sich eine Philosophie des Mundraubs. Die wachsende Vorstellung, dass den zukünftigen Generationen die Zukunft durch eine Überschuldung verhagelt wird, trifft zwar zu, ist aber nur die eine Dimension des sehr beschränkten Handelns. Das ebenso, wenn nicht gar schwerer wiegende Verhängnis, liegt in der nicht vorhandenen Vorstellung über die Gestaltung und Entwicklung des Gemeinwesens. Wir sind täglich Zeugen von Verteilungskämpfen, aber wir können keinen Streit über die die großen Linien der einzuschlagenden Richtung beobachten. Wer sich dazu äußert, wird kollektiv ausgegrenzt. Eine Gesellschaft, die keine Visionen besitzt, hinterlässt in der Regel eine Generation ohne Perspektive.