Voll auf Mescalin

Die aus mexikanischen Kakteen gewonnene Droge hat längst ihre großen Zeiten auf dem illegalen Markt in unseren Zonen hinter sich. Man sagte ihr nach, dass sie den Konsumenten zunächst eine ungeheure Beschleunigung bescherte, die abgelöst wurde durch intensives Farberleben, um in einer tiefen, nahezu religiösen Empfindung zu enden, bevor dann die katastrophalen Nebenwirkungen einsetzten, die das Nervensystem nachhaltig zerstörten und gleichzeitig Herz und Kreislauf irreparable Schäden zufügten.

Die Abfolge der psychedelischen Wirkungszustände des Mescalin hingegen weist eine erstaunliche Analogie auf zu dem, was wir in der Vorweihnachtszeit in deutschen Landen erleben. Je näher das Fest des Friedens rückt, desto mehr beschleunigen sich die Prozesse. Alles muss noch erledigt werden, selbst die unter normalen Umständen als eher unbedeutend bewertete Petitesse erlangt dramaturgisches Potenzial und ist dazu geeignet, den Kollaps des gesamten Systems zu attestieren, wenn man sich ihrer nicht noch vor dem Fest annimmt. Und so wie die Vorgänge beschleunigt werden und an Wichtigkeit dramatisch zunehmen, verhält es sich auch mit den Sozialkontakten. Im alten Jahr, da muss man sich unbedingt noch einmal sehen, und sei es auf einen abgehetzt heruntergestürzten Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Hauptsache, das Treffen fand statt, wenn auch ohne Tiefe und Substanz.

Der Akzeleration folgt, wie eben beim Mescalin, dass plötzlich, nach der ersten Erschöpfungssequenz, das ganze Drama in schillernden Farben erscheint, purpurn und golden wird die Welt in der Erschöpfungsromantik, und manchmal, wenn das Glück mitspielt, kommen noch olfaktorische Bereicherungen dazu, wie Zimt und Nelke, ja, die deutsche Weihnachtsdroge überholt in mancher Hinsicht sogar das Mescalin.

Letztendlich, wenn die Vorgänge abgeschlossen, die Treffen abgehakt, die unter Farbspielen eingeholten Geschenke im Sack sind und die lang ersehnte Ruhe einkehrt, die nicht anderes ist als die Vorbotin einer gründlichen Ohnmacht, dann legt sich so etwas wie eine spirituell sanktionierte Ermattung auf das Bewusstsein, Sentimentalität, Dankbarkeit und Reue.

Der Ruhezustand dauert in der Regel nur wenige Stunden, um von einer Dumpfheit abgelöst zu werden, die ein bis zwei Wochen dauert und am besten als post-traumatische Regungslosigkeit beschrieben werden kann. Danach geht es langsam wieder los und die Planungen für den nächsten Trip können beginnen.

Das Relikt einer einstmals gelebten religiösen Zeremonie ist die Simulation einer Drogenwirkung geworden, die in einem Zwischenstadium ein religiöses Gefühl nur noch suggeriert. Und alle machen mit, und alles ist legal. Und der Schein inszeniert das Ritual. Und das Mescalin ist die Metapher!