In seinem Roman Sonnenfinsternis beschrieb Arthur Koestler die Diskrepanz zwischen Parteilogik und menschlichem Gerechtigkeitsgefühl in ihrer ganzen Tragik. Die inhaftierte Figur, der der in den Moskauer Prozessen verurteilte und dann hingerichtete Revolutionär Bucharin Pate stand, räsoniert in der Todeszelle über das Wahrheitsempfinden des Individuums und die große, historische und natürlich gerechte Mission der Partei, die zwar irren mag, zuweilen sogar brutal irren mag, aber immer Recht behalten wird. In der Einsicht, falsch gehandelt und der Partei schwer geschadet zu haben, schließt letztendlich ein hoch intellektueller Mensch seinen Frieden mit dem Treiben einer organisierten Barbarei um ihn herum.
Die Diskrepanz zwischen der programmatischen Ausrichtung einer Partei, einer Organisation oder eines Staates und der inneren Befindlichkeit des einzelnen Individuums ist kein Spezialproblem der kommunistischen Weltbewegung, sondern eine quasi archetypische Angelegenheit des zivilisierten Menschen. Immer schon, über Jahrtausende und Regierungsformen hinweg, lag ein Unterschied zwischen dem Glücksempfinden des Individuums und der kalten Räson des Staates. Und immer schon barg das Interesse der übergeordneten Organisation ein großes Potenzial an Erpressung und Nötigung. Im Namen abstrakter Ideale sollten die Individuen dazu bewogen werden, aus ihrer Sicht Dinge zu tun, die keiner Ratio und keinem Humanismus mehr entsprachen.
Vom Empfinden her sind die Mitglieder einer Gesellschaft oder Organisation zumeist immer auf der richtigen Seite, d.h. sie haben ein Gespür für die Wahrheit, wenn es sich um Fragen des Lebens handelt. Trotz aller Unterschiede in Bildung und Teilhabe kann man den Beherrschten in den meisten Phasen der Menschheitsgeschichte einen ausgewiesenen Instinkt bescheinigen, wenn es um Verletzungen der Moral, der Ethik oder des Zivilisatorischen geht. Denn das, was von anderen propagiert werden kann, die sich aufgrund von Privilegien nicht daran zu halten brauchen, wird von denen, die nichts haben, gelebt werden müssen, so sie überleben wollen. Wer sich als Wolf gebärdet, muss damit rechnen, dass er gefressen wird.
So ist es kein Wunder, dass die Sollbruchstelle zwischen sozialem Glied und Kette dann zum Vorschein kommt, wenn die innere Befindlichkeit des Einzelnen ein tiefes Unbehagen spürt angesichts der konkreten Aktionen der Organisation und wenn die programmatische Ausrichtung nicht mehr mit dem Empfinden des Einzelnen und den eigenen Taten übereinstimmt. Dann ist die Zeit gekommen für diejenigen, die das tatsächliche Wohl des Ganzen im Auge haben, sich gegen den Strom zu stellen und das Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis anzuprangern. Nur wenn die Organisation Einzelne hervorgebracht hat, die in der Lage sind, sich diesem Konflikt zu stellen, werden es Ziele gewesen sein, die es wert waren, verfolgt zu werden.
Diejenigen, die mit den Wölfen heulen, werden bekanntlich allenfalls als Hunde überleben. Und diejenigen, die das Wort erheben gegen die Fälschung, werden ihre Unabhängigkeit und Würde bewahren.
