Der von der Integrationsindustrie wie Pest und Cholera geliebte Samuel P. Huntington, damals noch Mitherausgeber des strategischen Blattes Foreign Affairs, hatte nach seinem so falsch übersetzten wie umstrittenen Buch The Clash Of Civilizations noch einen Schritt weiter gedacht und mit der Publikation Who Are We? The Challenges to America´s National Identity fast ein Jahrzehnt später eine konstruktive Diskussion in Gang gesetzt. Hatte der Clash vor allem in Deutschland die Gemüter erhitzt, war die Fragestellung nach den Gemeinsamkeiten einer nationalen Identität hier völlig ignoriert worden.
Letzteres kam nicht überraschend, denn das Deutschland des 20. Jahrhunderts gehört zu den größten Zerstörern der Weltgeschichte und die Traumatisierung durch eine militärische Niederlage und die Befreiung vom Faschismus durch andere ist nachhaltig. Nichtsdestotrotz ist es jetzt an der Zeit, nach genau genommen 66 Jahren seit der Kapitulation, einer Zwei-Staaten-Periode, die auch vor nunmehr 20 Jahren beendet wurde, die Frage zu stellen, was uns, d. h. die Bewohnerinnen und Bewohner der Bundesrepublik Deutschland, ausmacht, wie wir uns definieren und worin unsere politische Vision besteht.
Nämlich irgendwie, so bestätigen uns diejenigen, die zwischenzeitlich einmal in fremden Ländern gelebt haben und erst recht diejenigen, die aus anderen Staaten zu uns kommen, scheint es einen breiten Konsens darüber zu geben, was wir nicht wollen und wogegen wir sind. Gefragt nach der positiven Identität jedoch sind die Antworten unbefriedigend. Die Diskussion über die momentane Identität ist mehr als überfällig und die Frage nach der Kontur der vor uns liegenden Zukunft ebenso.
Vielleicht sollten wir auch die Messlatte nicht gleich so furchtbar hoch legen und einfach mit Fragestellungen wie der Beschreibung unserer Gesellschaft mit drei Adjektiven beginnen. Das wäre schon einmal ein Einstieg, der vieles aussagen und anzeigen würde. Sind wir skeptisch, schlecht gelaunt und neigen zur Panik, oder trifft es eher zu, uns als innovativ, gewissenhaft und zuverlässig zu beschreiben? Oder wäre es vielleicht passender, uns als staats- und politikverdrossen, subversiv und defätistisch zu umschreiben? Oder doch eher human, demokratisch und treu?
Die skizzierte Diskussion müsste mit einer solchen Fragestellung beginnen, da wir das Niederschwellige mittlerweile aus dem FF beherrschen. Aber es dürfte nicht dort stehen bleiben, sondern nach der Attributierung des Status Quo sollten wir uns auch Gedanken machen über die Zukunft. Auseinandersetzungen in der Heftigkeit und dem Ausmaß der Verwerfung wie bei dem Projekt Stuttgart 21 dokumentieren, wie tief der Riss ist, der durch die Gesellschaft geht, wenn Vorstellungen über die Zukunft virulent werden.
Es spricht vieles dafür, dass die notwendige Debatte um die Zukunft politisch erst dann geführt wird, wenn deutlich wird, dass es tatsächlich ein Bedürfnis ist, die Strategie des Landes zu gestalten und zu kennen. Der opportunistische Reflex, mit dem Politik im Allgemeinen auf Tendenzen reagiert, stimuliert dazu, mit bestimmten Diskussionen einfach zu beginnen.
