Archiv für den Monat November 2011

Die Selbstbezogenheit des Ichs

Über Epochen der Entwicklung hinweg kam die Anthropologie mit wenigen Archetypen aus, unter die sich die einzelnen Charakteristika der menschlichen Gattung subsumieren ließen, ohne den Eindruck zu hinterlassen, Wesentliches missachtet zu haben. Zunächst, vor der Befähigung, Arbeit in einem gesellschaftlich gesetzten Rahmen organisieren zu können, reichten die Kategorien des Sammlers und Jägers. Mit der Etablierung der Landwirtschaft kam noch der Bauer hinzu und mit der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Arbeit erschien der Wissenschaftler. Bei der Betrachtung der wesentlichen Verhaltens- und Denkmuster war man mit diesen Typologien gut bedient, bis das Kommunikationszeitalter alle gesellschaftlichen Prozesse durchdrang und einen neuen Typus hervorgebracht hat, der in Managementanalyse zunächst als Entertainer bezeichnet wurde, aber, unter dem Eindruck des letzten Jahrzehntes, noch einmal als Poser spezifiziert werden muss.

War der Sammler von Geduld geprägt, der Jäger von einer finalen Zielerreichung getrieben, der Bauer von der Regelmäßigkeit gesteuert und der Wissenschaftler von einer Emotionslosigkeit und Beobachtungsgabe beherrscht, so ist der Poser auf der ständigen Jagd nach Glorie des eigenen Abbilds. Das, was nicht zu Unrecht als ein Phänomen der post-heroischen Gesellschaft beklagt wird, die Nicht-Existenz einer Wertigkeit, die über die direkten Verwertungsbedürfnisse des Individuums hinaus geht und schlicht als so etwas wie Gemeinschaftssinn bezeichnet werden könnte, ist klinisch sauber aus Hirn und Gefühl verbannt. Der dadurch frei werdende Raum ist durch einen Narzissmus ausgefüllt worden, der die Dimension des Pathologischen längst durchmessen hat. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist diese Dysfunktion – vorausgesetzt, wir definieren das menschliche Ensemble noch als ein soziales – längst kein Makel mehr, sondern eher als ein Überlebensutensil. Die antiquiert klingende Volkswahrheit, dass Klappern zum Handwerk gehört, muss angesichts der Wucht der Erscheinung längst umgemünzt werden in die Einsicht, dass nicht nur das Klappern das Handwerk selbst ist, sondern das Klappern ist die dominante Form einer weit verbreiteten Existenz an sich.

Die große gesellschaftliche Übung, in der, konträr zum Sinne früherer Überlegungen zur Erlangung kommunikativer Kompetenz, eingeübt wird, wie Individuen durch die Selbstinszenierung die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ausstechen, sind die Casting-Shows, die längst nicht mehr nur im Fernsehen laufen, sondern real in jeder politischen Debatte und in jeder Arbeitssitzung. Der Outcome, wie es so schön heißt, über den der Erfolg von Gestaltungsprozessen zunehmend definiert wird, wird zeigen, wie wenig der neue Archetypus des Posers dazu beiträgt, Arbeit und Gesellschaft zu positiven Ergebnissen zu führen. Da kommt dann doch eine Philosophie zurück in den Sinn, die gerade das bloße Strahlen des Moments als existenziell verdächtig enttarnte. In seiner zentralen Schrift Das Sein und das Nichts brachte es Jean Paul Sartre auf den Punkt: Das menschliche Sein ist etwas zu Leistendes!

Geniale Initiationen

Louis Armstrong Plays W. C. Handy

Es ist heikel, ein neues Genre der Musik, welches einer langen Tradition entsprungen ist, einem Individuum zuzuordnen. Beim Blues werden immer verschiedene Namen genannt. Da ist ein Buddy Bolden, der in New Orleans die Marching Bands mit seiner Trompete anführte, bis ihm das Hohe F das Hirn zerfetzte und er verwirrt den Rest seines Lebens in der Nervenheilanstalt von Baton Rouge verbrachte. Da ist ein Robert Johnson, der nur Stücke komponierte, die bis heute zu den großen Hits des Blues gehören und der auf den Bühnen der Honky Tonk Bars spielte, bis ihn ein eifersüchtiger Ehemann bei einem Auftritt erschoss. Und da ist W.C. Handy, der 1873 in Alabama geboren wurde, zunächst Kirchenmusik machte, dann eine Band gründete, in der Beale Street in Memphis mit einer phänomenalen Band residierte und mit dem Memphis Blues etwas einspielte, das später als die Inititiationskomposition des Blues gefeiert wurde. Handy starb im Bett, 1958 in New York, im Alter von 85 Jahren.

Sicher ist W.C. Handy mit seinen Kompositionen einer der Blueser der ersten Stunde gewesen, und es ist kein Wunder, dass die große Figur des Jazz, das Monument schlechthin, Louis Armstrong, sich irgendwann in seiner großartigen Karriere dieser Wurzeln der schwarzen Musik Nordamerikas annahm und die Stücke Handys einspielte, um das essenzielle Band zwischen Blues und Jazz hervorzuheben.

Mit dem schnoddrigen Titel Louis Armstrong Plays W.C. Handy ging Louis Armstrong 1954 ins Studio, um insgesamt 15 Stücke aufzunehmen, die W.C. Handys Werk entstammten. Darunter Hymnen wie den St. Louis Blues, Long Gone, The Memphis Blues, Beale Street Blues, Loveless Love oder die Alligator Story. Das Wohltuende an den Aufnahmen, die auf dem vorliegenden Album als eine überarbeitete Version vorliegen und technisch soweit verbessert wurden, wie das eben geht, sind ihre scheinbar lapidaren, aber hoch professionellen Arrangements. Die Kernaussagen der Songs leiden nicht unter der vermeintlichen Notwendigkeit für den Interpreten Louis Armstrong, dass er sie verfremden müsste, um ihnen seine persönliche Note aufzudrücken. Louis Armstrong war derjenige, der den Blues in den Jazz mit hinüber nahm, und seine Trompete war das hohe Lied auf das Rhythmisch-Binäre. In den vorliegenden Stücken gelingt es ihm, aus einer getragenen, retardierenden Idee etwas ungeheuer Treibendes zu machen, er geht mit dieser Impulsivität auf die Reise, um genau zum richtigen Zeitpunkt wieder dort anzukommen, wo die ganze Erzählung erdacht war.

Es wäre eine beschämende Täuschung, das, was sich auf den Aufnahmen als einfache, vielleicht sogar infantil anmutende Weisen präsentiert, als das zu nehmen, was es zunächst erscheint. Es sind Grundmuster einer einfachen, aber auch größenwahnsinnigen Idee, die Geschichte eines ganzen Kontinents in den Alltag mitzunehmen, sie dort zu erzählen und zu erwarten, dass ihre gewaltige Botschaft gut verkraftbar aufgenommen wird. Das ist ganz große Musik, und wenn Louis Armstrong mit seiner unverkennbaren Kopfstimme in Chantez Les Bas zu erzählen beginnt, bekommt man eine Ahnung davon, mit welcher musikalischen Weisheit man es zu tun hat.

An den Landungsbrücken

Geschichte ist nicht nur, wie John Updike es so treffend formulierte, eine Maschine, welche die Menschheit unablässig zu Staub zermahlt, sondern auch ein Phänomen, das in der Wahrnehmung genauerer Beobachter von Wiederholungen lebt. Das mag zum einen daran liegen, dass die Menschheit nicht unbedingt dazu tendiert, aus Erlebtem zu lernen, zum anderen lässt es sich aber auch damit erklären, dass unser Dasein zu komplex ist für die Kürze unseres eigenen Aufenthalts auf diesem Planeten.

Wie dem auch sei: Momentan durchziehen die Nachrichten immer mal wieder Meldungen von dem 50. Jahrestag des ersten Eintreffens türkischer damals so genannter Gastarbeiter in Deutschland. Die Retrospektive ist immer dann gelungen, wenn die Zeitzeugen befragt werden, wenn die heutigen Mitbürger dieser Republik von ihrer eigenen Geschichte erzählen und wir fassungslos hören, wie glücklich sie sind, nun hier zu sein und sich hier dazu zählen zu können. Die Deutschen, seit dem Faschismus in ihrem historischen Bewusstsein irreparabel traumatisiert, begreifen zumeist nicht, wieso diese Menschen aus der fernen Türkei das heutige Deutschland als ihre Heimat begreifen können.

Wäre da nicht das Trauma, und wäre da etwas mehr Orientierung an der eigenen Geschichte, dann würde gar nichts verwundern, sondern deutlich werden, dass Migration und Integration zu den Regelerscheinungen der Moderne zählen. In Hamburg, der Stadt Deutschlands, die vor dem Durchbruch der Luftfahrt als das hiesige Tor zur Welt betrachtet wurde, schifften sich im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Millionen von Deutschen ein, um ihr Glück in der so genannten Neuen Welt zu versuchen. Am alten Gebäude der Landungsbrücken stand das Goethe-Zitat: Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt.

Was diejenigen erwartete, die das große Wagnis, in der Regel aus Abenteuerlust und großer sozialer Not, unternahmen, war für die ersten Generationen der nackte Überlebenskampf. Es dauerte Generationen, bis sie sich etablierten und bestimmte Landstriche der USA und Südamerikas sind heute tief geprägt von der Attitüde derer, die aus dem fernen Deutschland kamen und deren Nachfahren heute bewusst nicht mehr vieles davon reflektieren, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind.

Unter diesem Aspekt sind die Geschichten, mit denen wir heute als ein gar nicht so wohl wollendes Einwanderungsland konfrontiert werden, gar nicht so beunruhigend. Die Mirganten, die gekommen sind, sind längst ein Teil unserer Welt und Kultur und es wäre undenkbar, wären sie nicht hier. Die Kinder und Kindeskinder der ersten Arbeitsmigranten gehören zum Kern der bundesrepublikanischen Gesellschaft und wer die Zukunft gestalten will, ohne sie zu berücksichtigen und ihnen eine vitale Rolle verweigert, der plant auf Basis einer Illusion, die auf einem ethnischen Purismus beruht, den es so nie gegeben hat.

Diejenigen, die das historische Phänomen der Migration unter einem moralisierenden Aspekt beleuchten, liegen allerdings genauso falsch wie die Puristen. Migration in einen neuen Raum bedeutet immer Reibung, Disput und Verwerfung, bevor sich die Kräfte etablieren können, von denen die Gesellschaft, die damit konfrontiert wird, profitieren kann. Der kritische Punkt der Bereicherung ist längst erreicht. Insofern besteht kein Anlass, die Jubiläen der Immigrationswellen als Mahnwache der Pietisten missbrauchen zu lassen. Es wird alles noch dauern, aber es wird auch werden.